"Tear down this wall": Neue Details zu Reagans Mauer-Rede

"Tear down this wall" : Neue Details zu Reagans Mauer-Rede

An diesem Dienstag vor 25 Jahren fielen in Berlin die berühmten Worte: "Tear down this wall" – "Reißen Sie diese Mauer nieder". Das rief US-Präsident Ronald Reagan dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow zu. Folgt man Reagans damaligem Stabschef, gab es vorher intern heftigen Widerstand gegen die Rede.

Es ist, als würde Ken Duberstein noch einmal mitfiebern. Er ballt die Hände zu Fäusten und schaut wie gebannt auf den kleinen Bildschirm, über den die Kulisse des Brandenburger Tors flimmert. Als die berühmten vier Worte fallen, laut "Time" die berühmtesten vier Worte der Reaganschen Präsidentschaft, lässt er die Fäuste kurz nach oben fahren, mehr erleichtert als triumphierend. "Tear down this wall", ruft Ronald Reagan, an Michail Gorbatschow gewandt, den Reformer in Moskau. "Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder."

25 Jahre später sitzt Duberstein im Newseum, dem Medienmuseum Washingtons, und freut sich wie ein Fußballfan bei einem verwandelten Elfmeter seiner Mannschaft. Getroffen, na bitte! Man versteht seine Pose wohl nur, wenn man die Vorgeschichte kennt: Am 12. Juni 1987, als Reagan in Berlin sprach, war Duberstein stellvertretender Stabschef im Weißen Haus.

Die Iran-Contra-Affäre vergessen lassen

Wenige Minuten vor der Rede saß er neben dem Präsidenten in einer Staatslimousine, er erinnert sich daran, als sei es gestern gewesen. Reagan übte noch einmal die Mauer-Passage. Als gelernter Schauspieler legte er großen Wert auf gründliches Proben, jeder Satz, jedes Wort sollte sitzen, die Intonation perfekt sein. "Die Jungs im State Department (Außenministerium, d. Red.) werden mich umbringen dafür. Aber wir lassen das drin", entschied der Präsident schließlich.

So wie Ken Duberstein die Geschichte erzählt, dreht sie sich um einen handfesten Konflikt, Realpolitik kontra Visionen, Machbares gegen Wünschenswertes. Dubersteins Job war es, den "Gipper", wie sie Reagan nach einer Kinorolle nannten, in der er einen Football-Star spielte, durch Europa zu begleiten.

In Venedig, wo ein G 7-Gipfel der größten Industrienationen stattfand, gönnten sich Ronald und Nancy Reagan zunächst einmal drei Tage Ruhe in einem prunkvollen Palast am Rande der Stadt – es waren eben andere, weniger hektische Zeiten. Im Vatikan empfing sie Papst Johannes Paul II. zur Audienz. "Nicht schlecht", erinnert sich Duberstein, "doch für echten Nachrichtenwert würden wir erst in Deutschland sorgen, das war von vornherein klar."

Ronald Reagan brauchte einen spektakulären Auftritt in der Ferne, der auch daheim wahrgenommen wurde. Er wollte endlich das Thema wechseln und so die vielleicht schwierigste Phase seiner Präsidentschaft vergessen lassen. Die Iran-Contra-Affäre – geheime Waffenverkäufe an Teheran, um die antisandinistischen Rebellen in Nicaragua zu finanzieren – war aufgeflogen und hatte zu einer Vertrauenskrise geführt. Nur noch 37 Prozent der Amerikaner waren mit Reagans Amtsführung einverstanden, ein markanter Tiefpunkt. Der "große Kommunikator" wünschte sich deshalb eine Schlagzeile, die hängenblieb.

Es soll mindestens sieben Entwürfe gegeben haben

Peter Robinson, einer seiner Redenschreiber, hat sie geliefert. Im April 1987 war Robinson, damals erst 30, nach Westberlin gereist, um sich Anregungen zu holen. Einen Abend verbrachte er bei Dieter und Ingeborg Elz; die beiden hatten sich an der Havel zur Ruhe gesetzt, zurückgekehrt aus Washington, wo Dieter Elz bei der Weltbank gearbeitet hatte. Als er sie nach der Mauer fragte, erinnert sich Robinson, sei die sanfte Frau Elz richtig zornig geworden.

"Wenn es dieser Gorbatschow ernst meint mit seinem Gerede von Glasnost und Perestroika, dann kann er es beweisen, indem er uns von dieser Mauer befreit", zitiert er seine Gastgeberin. Den Gedanken habe er aufgegriffen. Am Potomac, wo Robinsons Manuskript den vorgeschriebenen Instanzenweg ging, hagelte es Einsprüche. Das State Department war dagegen. Der Sicherheitsberater riet ab. Stabschef Howard Baker, bei dem alle Drähte zusammenliefen, bestand auf Änderungen.

"Tear down this wall": Die Worte klangen zu provokativ. Man wollte keine falschen Hoffnungen wecken und Gorbatschow im Politbüro der KPdSU nicht in eine knifflige Lage bringen, sich lieber auf realistischere Dinge konzentrieren, etwa Verbesserungen des Luftverkehrs von und nach Westberlin.

Ergo feilten die Diplomaten an weniger zuspitzenden Sätzen. Nicht weniger als sieben Entwürfe sollen die Runde gemacht haben. Irgendwann nahm George Shultz, der Außenminister, den Vize-Stabschef beiseite, um ihm eher beiläufig mitzuteilen, dass er die Bedenken seines Amts durchaus teile.

"Da wusste ich, es war okay für ihn", sagt Ken Duberstein mit listigem Grinsen. Wäre es Shultz ernst gewesen mit einem Veto, hätte er um zehn Minuten beim Präsidenten gebeten, "ich war ja der Herr über Reagans Kalender." "Es war ihm nicht ernst, er wollte sich einfach nur absichern. Wäre es schiefgegangen, wäre alles Dubersteins Schuld gewesen."

(RP/das/sap)
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