Hendrik Streeck im Interview „Ich halte nichts davon, über jede Variante Furchtappelle auszustoßen“

Interview | Berlin · Der Virologe erläutert, wodurch sich die Corona-Variante BA.2.86 auszeichnet und ob ihr Auftreten Konsequenzen für die Bevölkerung hat. Außerdem sagt der Wissenschaftler, ob er in der kalten Jahreszeit mit mehr Infektionen rechnet – und wie gut er das Land für diesen Fall vorbereitet sieht.

 Virologe Streeck: „Die Immunität, die wir in der Bevölkerung in Deutschland haben, ist enorm hoch.“

Virologe Streeck: „Die Immunität, die wir in der Bevölkerung in Deutschland haben, ist enorm hoch.“

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Herr Streeck, die Virologin Isabella Eckerle hat in einem Interview die vielen Mutationen der Corona-Variante BA.2.86 als erstaunlich bezeichnet. Wie blicken Sie auf die Variante?

Hendrik Streeck Wir erleben seit Omikron eine Explosion von unterschiedlichen Varianten, man könnte sagen: eine regelrechte Variantensuppe. Bei allen neuen Varianten, über die wir im Moment reden, handelt es sich aber um Subvarianten von Omikron. Und natürlich zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie neue Mutationen haben und vom Immunsystem an einigen Stellen nicht so gut erkannt werden. Das ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass wir diese evolutionäre Entwicklung sehen. Virologisch ist das interessant zu beobachten. Allein in den letzten Wochen haben wir ein paar dutzend Varianten beobachten können. Und das wird auch so weitergehen und wir werden auch im nächsten Jahr über neue Varianten reden.

Was bedeutet BA.2.86 für die Bevölkerung in Deutschland?

Streeck Wir haben es immer noch mit einer Omikron-Subvariante zu tun – und die Immunität, die wir in der Bevölkerung in Deutschland haben, ist enorm hoch. Es wird nicht dazu geraten, dass Menschen, die nicht zu einer Risikogruppe gehören, sich noch einmal impfen lassen. Ganz egal, welche Variante da jetzt kommt oder wie sie sich gerade ausbreitet, gibt es in der Sache keine andere Konsequenz.

Trotz der vielen Mutationen, die BA.2.86 aufweist?

Streeck Wir sehen bei den Varianten keine Unterschiedlichkeit in Symptomatik und Krankheitsschwere. Es handelt sich bei allen derzeitigen Varianten um Immunfluchtvarianten, sodass das Immunsystem an der einen oder anderen Stelle das Virus vielleicht nicht sofort erkennt. Ich halte nichts davon, über jede Variante Furchtappelle auszustoßen. Denn die Grundimmunität gegen Corona haben wir und die geht nicht verloren.

Glauben Sie, dass uns im Winter eine Coronawelle erwartet?

Streeck Spekulationen sind immer schwierig. Aber ich gehe schon davon aus, dass die Infektionszahlen im Herbst und Winter nach oben gehen. Corona hat sich zu allen anderen grippalen Infekten hinzugesellt und ich denke, dass die Krankenstände in der kalten Jahreszeit zunehmen werden. Ob sich Grippe oder Corona mehr durchsetzt, kann ich nicht sagen. Aber sowas kann natürlich zu einer Belastung des Gesundheitswesens führen.

Sehen Sie das Land für diesen Fall gut gerüstet – zum Beispiel in puncto Krankenhauskapazitäten?

StreecK Wie das Gesundheitssystem aufgestellt ist, ist eine grundsätzliche Frage. Wir sind in den Krankenhäusern und den Arztpraxen in der Arbeit sehr am Anschlag. Wir haben einen enormen Mangel an Fachkräften. Wenn ein strapaziertes System eine zusätzliche Belastung bekommt, ist das natürlich immer schlecht.

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