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Rechtsextremismus: Neonazis locken Kinder

Rechtsextremismus : Neonazis locken Kinder

Düsseldorf (RP). Experten halten die gestern verbotene "Heimattreue Deutsche Jugend" für eine der einflussreichsten rechtsextremen Gruppen. Sie war auch in NRW präsent – etwa mit einem Zeltlager für Jugendliche.

Düsseldorf (RP). Experten halten die gestern verbotene "Heimattreue Deutsche Jugend" für eine der einflussreichsten rechtsextremen Gruppen. Sie war auch in NRW präsent — etwa mit einem Zeltlager für Jugendliche.

Es war eine nationalsozialistische Parallelwelt, auf die die Polizei im August 2008 mitten im Feriengebiet Mecklenburgs stieß. In 14 Zelten nahe dem Dorf Hohen Sprenz wohnten 39 Kinder zwischen acht und 14 Jahren und 50 Erwachsene.

Die Teller säuberten sie mit hakenkreuzverzierten Geschirrtüchern. Nationalsozialistisches Gedankengut und Lieder standen auf dem Lehrplan. Veranstalter: die rechtsextreme "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ). Gestern wurde sie vom Bundesinnenminister verboten.

"Ein widerlicher Verein"

Damit ein Minister von einem "wirklich widerlichen Verein" spricht, muss schon einiges zusammenkommen. Wolfgang Schäuble (CDU) begründete mit eben diesen Worten, warum die HDJ gefährlich ist: Der Verein wolle "schon Kinder und Jugendliche mit scheinbar unpolitischen Veranstaltungen für das neonazistische Gedankengut gewinnen".

Zeltlager, paramilitärischer Drill, heidnische, rassistische und antisemitische Propaganda sollen Minderjährige zu Neonazis machen — offenbar mit Erfolg: "Die HDJ ist eine der wirksamsten Kinder- und Jugendorganisationen des heutigen Nationalsozialismus", sagt Hajo Funke, Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, zu unserer Zeitung.

Die HDJ errichte eine totalitäre Gegenwelt: "Abstriche von NS-Inhalten gibt es kaum, und wenn, sind sie taktischer Natur." So habe es statt der Hitler-Verehrung einen Kult um dessen Stellvertreter Rudolf Heß gegeben. Die Autorin Andrea Röpke, die sich seit Jahren mit der HDJ beschäftigt, nannte gegenüber unserer Zeitung den Verein "die derzeit größte neonazistische Kindererziehungs-Organisation".

Nachfolge- und Auffangorganisation

Seit dem Verbot der "Wiking-Jugend" 1994 gilt die HDJ als deren Nachfolge- und Auffangorganisation. Ein Großteil der gegenwärtigen Führung der rechtsextremen NPD sei in der Wiking-Jugend geschult und sozialisiert worden, sagt Funke; die HDJ setze das fort. Im aktuellen Bundesverfassungsschutzbericht heißt es, der Verein unterhalte gute Kontakte zur NPD und zur Szene der besonders gewaltbereiten Neonazi-Kameradschaften. Die HDJ habe in Deutschland mehrere hundert Mitglieder.

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Im Bericht des NRW-Verfassungsschutzes, den Innenminister Ingo Wolf (FDP) am Montag vorstellte, findet sich die HDJ dagegen nicht — obwohl sie auch hierzulande präsent ist. Im Zuge einer bundesweiten Razzia gab es im Oktober auch in Düsseldorf Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Und in Horn-Bad Meinberg bei Detmold hatte die "Einheit Hermannsland" der HDJ 2006 ein ähnliches Zeltlager wie 2008 in Mecklenburg veranstaltet.

Die HDJ sei zwar beobachtet worden, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums gegenüber unserer Zeitung, sie sei aber in NRW "nicht besonders herausragend". Das Innenministerium antwortete auf eine SPD-Anfrage im Mai 2008, im Detmolder Raum fänden "sporadisch kleine Veranstaltungen mit bis zu 20 Personen statt". In Nordrhein-Westfalen habe die HDJ rund 40 Mitglieder. Man werde die "Erkenntnisgewinnung" vorantreiben. Von Verbot war jedoch keine Rede. 2006 hatte Wolfs Ministerium die Notwendigkeit einer Verbotsinitiative explizit bestritten.

Extremismus-Experte Funke sieht das anders: "Das Verbot war überfällig, das Material überwältigend." Röpke vermutet, die Vereinsmitglieder würden "auf jeden Fall weitermachen", etwa mithilfe von Untergrundstrukturen oder Ersatzgründungen.

Hier geht es zur Infostrecke: Was ist die "Heimattreue Deutsche Jugend"

(RP)