Nachfolgerin von Wagenknecht gewählt

Neuer Fraktionsvorstand der Linken : Neuer Machtkampf nach dem Machtwechsel

Die Linke könnte die Chance nutzen, mit Amira Mohamed Ali als Nachfolgerin von Sahra Wagenknecht einen Neuanfang zu machen. Es sei denn, sie will sich weiter zersplittern.

Sahra Wagenknecht ist nicht mehr die Nummer eins der Linken im Bundestag, die Partei verliert damit ihre populärste Politikerin an der Spitze. Aber die 50-Jährige will weiter als Abgeordnete arbeiten, öffentlich auftreten und in Talkshows für Positionen kämpfen. Nur, mehr auf eigene Rechnung. Das entspricht ohnehin mehr ihrem Wesen. Die Frau mit der überragenden Fähigkeit zur Analyse, zur harten Kritik und zur freien Rede zieht das Alleinsein der Gemeinschaft vor. Den Zwang zum Kompromiss, dem Fraktionsvorsitzende ebenso unterliegen wie dem Anspruch der Führung, hat sie schwer ausgehalten, Anfeindungen haben sie krank gemacht, sagt sie. Deshalb gab sie das Amt auf. Und womöglich auch, weil ihre mit Ehemann Oskar Lafontaine gegründete Sammlungsbewegung „Aufstehen“ nicht in Gang kam.

Ihre am Dienstag gewählte Nachfolgerin Amira Mohamed Ali tritt ein schweres Erbe an. Nicht nur, weil es mühsam ist, aus dem Schatten Wagenknechts herauszutreten, sondern weil deren Zerwürfnis mit Parteichefin Katja Kipping über den Machtwechsel hinaus nachwirkt. Die 39-Jährige, die dem Wagenknecht-Flügel zugerechnet wird und sich gegen Caren Lay aus dem Kipping-Lager durchgesetzt hat, muss nun den problematischen Nachlass gerecht verteilen. Sie muss der Linken klar machen: Sie ist eine Erbengemeinschaft. Kein Anhänger der zerstrittenen drei Flügel - um Wagenknecht, um Fraktionschef Dietmar Bartsch und um Kipping und Co-Chef Riexinger - kann sich schadlos halten.

Bartsch ist mit einem schlechten Ergebnis von knapp 64 Prozent wiedergewählt worden. Er ist erst einmal ein Teil des Problems. Und Mohamed Ali hat nur eine knappe Mehrheit von 52,2 Prozent hinter sich versammelt. Das ist kein Aufbruch, sondern ein Signal aus der Vergangenheit: die Gräben sind tief.

Das macht die Linke wie alle anderen Parteien mit Personalquerelen unattraktiv. Die Grünen beweisen, wie erfolgreich eine Partei mit einer kollegialen Spitze sein kann. Sollte die Union aus dem Kanzleramt vertrieben werden, dann kaum durch eine rot-rot-grüne, sondern, wenn überhaupt, durch eine grün-rot-rote Koalition. SPD und Linke mit ihrem Dauerchaos in der Führung liegen jedenfalls zumindest in den Umfragen deutlich hinter der Ökopartei.

Mohamed Ali sagt, sie wolle alle Genossen einbinden. Menschen wachsen mit ihren Aufgaben. Aber wenn die junge Niedersächsin eine Integrationskraft entwickeln soll, zu der zuletzt vielleicht nur die Vaterfigur der Linken, Lothar Bisky, in der Lage war, braucht sie die Unterstützung über die Flügelgrenzen hinweg. Die Linke kann mit ihrer neuen Fraktionschefin wachsen - oder zersplittern.

(kd)