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Nach Protest am Reichstag: Steinmeier verurteilt schwarz-weiß-rote Fahnen am Bundestag

Reichsflaggen vor Bundestag : Steinmeier nennt Proteste „verabscheuungswürdig und unerträglich“

Diese Bilder hätte es niemals geben dürfen. Schwarz-weiß-rote Flaggen am Reichstag. Die Symbole von Rechtsextremen vor dem Zentrum der deutschen Demokratie. In Deutschland rührt die Flaggenfrage an einen wunden Punkt.

Diese Bilder sind ein Schock: Von "Reichsbürgern" und Rechtsextremen verwendete schwarz-weiß-rote Flaggen des Kaiserreichs und die Reichskriegsflagge wurden am Wochenende von jubelnden Anti-Demokraten direkt vor dem Reichstag geschwenkt, dem zentralen Gebäude der deutschen Demokratie. "Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass sie zu Ikonen in der rechten und braunen Szene in Deutschland werden", hieß es am Montag.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wählte starke Worte: "Reichsflaggen, sogar Reichskriegsflaggen darunter, auf den Stufen des frei gewählten deutschen Parlaments, im Herz unserer Demokratie – das ist nicht nur verabscheuungswürdig, sondern angesichts der Geschichte dieses Ortes geradezu unerträglich", sagte er. Von inakzeptablen Szenen und Entgleisungen sprach auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing.

So ernste Worte wegen ein wenig Stoff? Die Flaggen-Frage hat in der deutschen Geschichte eine hohe Bedeutung. "Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne", spottete Anfang der 1930er-Jahre der Berliner Journalist Kurt Tucholsky. Doch zum Lachen war ihm dabei nicht. Denn er prangerte an, dass die Eliten der Weimarer Republik mit der schwarz-rot-goldenen Flagge der Demokratie nichts zu tun haben wollten und sich eher mit dem Schwarz-Weiß-Rot der Kaiserzeit und der roten Hakenkreuzfahne identifizierten.

Fahnen waren lange Zeit vermintes Gelände: Als "heiligstes Symbol der Deutschen" pries sie Hitler. Kein Wunder, dass sowjetische Soldaten 1945 bei der Siegesparade auf dem Roten Platz gleich reihenweise erbeutete deutsche Fahnen vor Stalin niederlegten.

Symbol für Freiheit und Republik - und nationale Einheit: Dafür stand seit dem frühen 19. Jahrhundert Schwarz-Rot-Gold. Ihren Ursprung hat die deutsche Trikolore beim mythenumwobenen Lützowschen Freikorps, das 1813/1814 gegen Napoleon kämpfte. 1817 auf dem Wartburgfest wurde diese Fahne zum Wahrzeichen der deutschen Studentenschaft. Beim Hambacher Fest am 27. Mai 1832, bei dem Bürger gegen Unterdrückung und Bespitzelung protestierten, hissten sie die schwarz-rot-goldene Fahne mit der Aufschrift "Deutschlands Wiedergeburt" auf der Hambacher Schlossruine.

Für Staatskanzler Metternich war das "versuchte Aufreizung zum Umsturz". Der Bundestag in Frankfurt verbot das öffentliche Tragen von Schwarz-Rot-Gold. Währenddessen forderte Heinrich Heine: "Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums..."

Spätestens mit der Revolution 1848 wurden Schwarz-Rot-Gold als explizit deutsche Farben wahrgenommen. "Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme" lautete das Kampflied Ferdinand Freiligraths. Als in der Frankfurter Paulskirche erstmals die Nationalversammlung tagte, war die Stadt in Schwarz-Rot-Gold geschmückt.

Doch schon wenig später, nach dem Scheitern der Revolution, wurde diese Flagge in etlichen deutschen Staaten erneut verboten. Bismarck ereiferte sich über "die Farben des Aufruhrs und der Barrikaden". Stattdessen setzte sich im preußisch dominierten Kaiserreich das "Schwarz-Weiß-Rot" durch - eine Verbindung der preußischen Farben Schwarz-Weiß mit den Hansefarben Weiß-Rot.

Gut 60 Jahre sollten vergehen, bis die Farben von 1848 erneut ins Rampenlicht rückten: "Die Reichsfarben sind Schwarz-Rot-Gold", hieß es in der Weimarer Verfassung. Doch Deutschland war gespalten: Kaisertreue und Radikale von rechts und links machten das Symbol der Republik verächtlich. Die Nazis höhnten von "Schwarz-Rot-Senf" oder "Schwarz-Rot-Scheiße". 1933 wurde zunächst die schwarz-weiß-rote Fahne und dann die Hakenkreuzfahne zur Reichsflagge.

Das Grundgesetz kehrte zu Schwarz-Rot-Gold zurück. Auch in der ersten Verfassung der DDR wurden diese Farben 1949 zu den Nationalfarben erklärt. 1959 fügte Ostberlin Ährenkranz, Hammer und Zirkel dazu. Gleich nach der Maueröffnung am 9. November 1989 trennten viele DDR-Bürger diese Embleme heraus. Seit 3. Oktober 1990 symbolisiert Schwarz-Rot-Gold Deutschlands staatliche Einheit in einer freiheitlichen Republik.

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(özi/kna)