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Analyse: Mutter mit 45? Ich nicht

Analyse : Mutter mit 45? Ich nicht

"Social Freezing" bedeutet auch, dass Frauen später schwanger werden. So spät, dass die nächste Generation ihre Omas und Opas kaum kennenlernen kann. Eine junge Journalistin über alte Mütter - und warum sie keine werden will.

Kurz vor meinem 29. Geburtstag ist das Gefühl zum ersten Mal da. Und ich weiß sofort, was diese etwas unbestimmte Sehnsucht zu bedeuten hat: Da ist er. Der Kinderwunsch. Ganz leise hat er sich angeschlichen, sich in meine Gedanken gedrängt, sich festgesetzt. Dabei saß an gleicher Stelle vorher etwas ganz anderes. Abitur, Studium, Praktika, Reisen, das Volontariat. Mein Hinterkopf voller Träume von Interviews und Reportagen, die Titelseiten füllen, und von einem Leben immer auf dem Sprung.

Und jetzt? Stattdessen drängt sich nun die Angst mit ins Berufsleben. Ein Baby und gleichzeitig eine Karriere im Journalismus; scheinbar unmöglich, schon wegen der Arbeitszeiten. Flexibel muss man sein, möglichst jetzt und in den nächsten Jahren den Grundstein für den Erfolg legen. In meiner Redaktion gibt es nur eine einzige Frau, die Kinder hat. Nur eine! Mut macht mir niemand, die männlichen Kollegen schon gar nicht. Lieber noch warten, sagt einer. Auf den berühmten richtigen Zeitpunkt.

"Versuch's so früh wie möglich. Das ist wirklich scheiße, wenn es nachher nicht klappt." Weil es dann zu spät ist. Den letzten Satz sagt meine Schwester am Telefon nicht, wahrscheinlich tut das zu weh. Uns trennen mehr als zehn Jahre. Sie ist über 40, verheiratet, ohne Kinder. Erst mit Ende 30 ging sie das Thema Familienplanung an. Ob sie wohl vor zehn, fünfzehn Jahren ihre Eizellen eingefroren hätte, wenn das damals schon möglich gewesen wäre? Ich frage nicht und denke: Jetzt ist es ja sowieso zu spät.

In den Debatten der letzten Wochen gab es unzählige Meinungen zur neuen Form der Reproduktionsmedizin, dem "Social Freezing", ausgelöst von vermeintlich großzügigen US-Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen ermöglichen - zugunsten ihrer Karriere. Ist das nun Emanzipation oder Ökonomisierung, den Zeitpunkt einer Schwangerschaft auf unbestimmte Zeit zu verschieben? Wahrscheinlich muss darauf jede Frau ab sofort ihre eigene Antwort finden. Männer haben es da deutlich besser: Ihre Spermien sind höchstens drei Monate alt. Der weibliche Körper hat den begrenzten Vorrat an Eizellen bereits vor der Geburt angelegt.

Und ich? Will ich Kinderwunsch und Eizellen erstmal auf Eis legen? Verlockend wäre es ja. Schon alleine um sich bis dahin mit einem finanziellen Polster abzusichern, die Welt zu bereisen und bis spät in die Nacht zu arbeiten. Doch ich brauche eigentlich nur ein paar kurze Augenblicke, dann steht die Antwort fest: Meine Eizellen werden niemals den Weg in einen tiefgefrorenen Stickstoffbehälter finden. Nicht nur, weil niemand weiß, ob sie in einem Jahrzehnt überhaupt noch brauchbar sind. Nicht nur, weil der Freund dagegen ist. Sondern, weil ich keine alte Mama sein will. Denn je später ich mein Erbgut wieder auftaue, desto älter werde ich als Mutter, desto größer wird der Altersunterschied zu meinen Kindern.

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Seien wir ehrlich: Es bringt mir in der Summe doch herzlich wenig, wenn meine wieder aufgetauten Eizellen einem biologischen Alter von Ende 20 entsprechen, ich selbst aber mit Ende 40 wahrscheinlich meine jungen Jahre schon hinter mir habe. Meine gesunden Jahre, ohne Rückenschmerzen. Meine geistig fitten Jahre, in denen ich mich mit viel Energie bis tief in die Nacht auf etwas konzentrieren konnte. Meine albernen, manchmal unvernünftigen Jahre. Sollten meine Kinder nicht gerade davon profitieren? Es ist doch viel zu schade, gerade das, was man sich in den Zwanzigern aus der Jugend noch bewahren konnte, dem eigenen Nachwuchs vorzuenthalten.

An dieser Stelle werden viele ältere Väter und Mütter wahrscheinlich widersprechen: Ein Kind im Alter, das hält doch jung. Das tut es auch. Jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Meine Mutter bekam mich mit 44. Natürlich nicht, weil sie ihre Eizellen eingefroren und wieder aufgetaut hatte (damals wohl noch eine Zukunftsvision wie aus einem Science-Fiction-Film). Auch wenn ich wohl ein Unfall kurz vor der Menopause war, richtig unglücklich schienen meine Eltern nicht über das späte Babyglück im Mai 1985.

Auf dem 50. Geburtstag meiner Mutter wollte ich von ihr wissen, wie alt sie geworden sei. Entrüstet kommentierte ich ihre Antwort: "Mama, ich will nicht wissen, wie schwer du bist! Ich will wissen, wie alt du bist!" Was heute eine lustige Familienanekdote ist, wurde irgendwann unangenehm. Zum Beispiel wenn Mitschüler dachten, dass mein Vater mein Opa ist. Als Teenager kämpfte ich zuhause mit zwei Frührentnern erbittert um ein bisschen mehr Verständnis - doch auf beiden Seiten gab es damals wenig Bereitschaft, sich in das Lebensmodell des anderen hineinzuversetzen. Heute weiß ich: Das ist ganz normal, wenn fast fünfzig Jahre Altersunterschied zwischen Kind und Elternteil liegen. Beim Trend "Social Freezing" wird der Zeitpunkt für das erste Kind ganz bewusst und ganz egoistisch nach hinten verschoben. Muss man sich nicht fragen: Was bringt das späte Mutterglück meinem Kind überhaupt, wenn ich so viel älter bin?

So wird auch der Abstand zu der nächsten Generation immer größer: Irgendwann könnten sogar Großeltern zum Mythos werden. Setzt sich die Praxis des "Social Freezing" durch, ist es durchaus denkbar, dass irgendwann die meisten Menschen ihre Enkel erst mit 80 oder 90 Jahren kennenlernen. Zwar steigt die Lebenserwartung und die Menschen werden immer älter, Krankheiten wie Demenz sind jedoch in diesem hohen Alter besonders häufig. Viele Kinder werden ihre Oma oder ihren Opa nur verwirrt kennenlernen, an eine Betreuung durch die Großeltern wird gar nicht mehr zu denken sein. Auch in meiner Familie geht es mittlerweile um Herzschrittmacher und Demenz. Und ich weiß nicht, ob meine Eltern ihre Enkel noch kennenlernen werden. Noch ist es allerdings nicht zu spät.

(RP)