Unerwartet neuer Gegenkandidat: Münteferings Frau kämpft um Mandat

Unerwartet neuer Gegenkandidat: Münteferings Frau kämpft um Mandat

Michelle Müntefering will 2013 für die SPD in den Bundestag einziehen. Nun hat sie überraschend einen neuen Gegenkandidaten bekommen. Auch Uwe Knüfer, Chefredakteur der Parteizeitung "Vorwärts", will den Wahlkreis Herne in Berlin vertreten. Was steckt dahinter? Ein Ortstermin.

Herne Michelle Müntefering wirkt angespannt, als sie im "Saal Crange" der Gaststätte "Zille" ans Rednerpult tritt. Auf dem Weg zum Mikro begrüßt sie ihre Gegenkandidaten knapp und ohne zu lächeln. Es geht um viel an diesem Abend. Die 32-Jährige wirkt gut vorbereitet, spricht zehn Minuten mit lauter Stimme. "Ich will Politik mit offenem Visier machen", ruft sie den Genossen zu. Der Vortrag endet mit Applaus.

"Wir hatten einen anderen Weg vereinbart"

Die Frau des früheren SPD-Parteivorsitzenden Franz Müntefering will im Wahlkreis 141 "Herne/Bochum 2" für den Bundestag kandidieren. Doch ob das klappt, ist ungewiss. Bislang hatte die junge Politikerin nur eine Stadtverordnete als Gegenkandidatin. Doch vor zehn Tagen ist das Duell zum Dreikampf geworden. Überraschend hat auch Uwe Knüpfer, der Chef der SPD-Parteizeitung "Vorwärts", seine Kandidatur erklärt. Ein Vorgang, der in der NRW-SPD für Irritationen sorgt. "Wir hatten einen anderen Weg vereinbart", sagt Kai Gera, Vorsitzender des Ortsvereins Altenhöfen.

Gestern Abend haben sich die drei Bewerber erstmals gemeinsam den Fragen der Basis gestellt. Der Hinterraum in der Gaststätte ist gut gefüllt. "So eine Show bekommt man ja nicht jeden Tag geboten", sagt ein Jungsozialist.

Michelle Müntefering ist ein Medienprofi. Auch Uwe Knüpfer lächelt routiniert in die Kameras. Der 57-Jährige war von 1986 bis 1990 Sprecher der früheren NRW-Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD), später fünf Jahre lang Chefredakteur der "WAZ". Seit 2010 leitet Knüpfer die Redaktion der SPD-Parteizeitung "Vorwärts" in Berlin. Der Sozialdemokrat ist in Herne geboren und gehört dem Ortsverein Börnig/Holthausen an.

Als der Vertraute von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles seine Kandidatur erklärte, hatte Müntefering schon einen sechsmonatigen parteiinternen Wahlkampf gegen die Stadtverordnete Anke Hildenbrand hinter sich. Seit dem Frühjahr touren die Konkurrentinnen durch die Ortsvereine und werben um Unterstützung. Dabei seien "Gräben aufgerissen" worden, behauptet Knüpfer. Parteifreunde hätten ihn aufgefordert, seinen Hut in den Ring zu werfen. Was steckt dahinter?

Geteilte Meinung an der Basis

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In der NRW-SPD schießen die Spekulationen ins Kraut. Michelle Müntefering hatte im vergangenen Jahr ihr Interesse an einem Bundestagsmandat angemeldet. An der Basis ist die Meinung allerdings darüber geteilt. Ihre Unterstützer stellten klar, die Politikerin habe sich den Job in Berlin durch jahrelanges Engagement hart erarbeitet. Die Politikerin ist seit 15 Jahren für die SPD aktiv und arbeitet als Schulexpertin im Stadtrat mit.

Doch im Vorfeld gab es auch kritische Stimmen. Ein "Münte" im Bundestag sei genug, hieß es da. Es könne nicht sein, dass der frühere Parteichef seine "Erbfolge" selbst regeln wolle. Der Sauerländer hat noch nicht erklärt, ob er bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr erneut antreten will.

Bei den Vorstellungsrunden in den Ortsvereinen hatte auch Anke Hildenbrand viel Applaus bekommen. Die Parteilinke aus dem Ortsverein Constantin gehört zu den erklärten Kritikern der umstrittenen "Agenda 2010", die mit Franz Müntefering verbunden wird. Nach zehn Jahren Hartz müssten die Reformen weiter nachjustiert werden, und zwar "pronto", forderte die Volljuristin. Die SPD müsse sich stärker um die Probleme von Geringverdienern und Rentnern kümmern. Sie sei "kein Medienprofi", aber sie verwende sich mit jeder Faser ihres Lebens für die SPD. Ihr gehe es um Inhalte, "nicht um Glamour".

Bislang hat Michelle Müntefering der Nachname nicht geschadet. Sie wolle ihre Prominenz dafür nutzen, für ihre Heimat zu "werben", sagt sie auf Anfrage. Als erfahrene Kommunalpolitikerin wisse sie, dass die Städte im Ruhrgebiet mehr Gewicht und bessere Finanzstrukturen bräuchten. Die Kandidatur von Knüpfer habe bei ihr Befremden ausgelöst. "Mich ärgert vor allem, dass nun wieder das Bild von Politik entsteht, auf dem eher Hauen und Stechen zu sehen ist anstatt fairer Wettbewerb und gute Argumente", sagte sie unserer Zeitung. Das stehe weder der SPD noch der Parteizeitung "Vorwärts" gut.

Verschwörungstheorien

In Herne ist Uwe Knüpfers Kandidatur jedoch längst Stoff von Verschwörungstheorien. Einer Version zufolge soll Franz Müntefering (72) den Journalisten, den er einst zum Vorwärts holte, zur Kandidatur in Herne ermuntert haben. "Münte" habe erkannt, dass es für seine Frau enger werden könnte als gedacht, sagt der Chef eines Ortsvereins. Knüpfer solle Anke Hildenbrand das Wasser abgraben — und so Michelle Müntefering den Sieg sichern.

Diese Version weist Knüpfer entschieden zurück. "Niemand hat mich geschickt", sagte der Chefredakteur am Rande der Veranstaltung. "Das zu behaupten, ist völlig absurd", fügte er hinzu. Seit Jahrzehnten begleite und analysiere er die Politik der SPD von der Außenlinie. Jetzt wolle er auf den Platz, um die Politik der SPD selbst zu gestalten. Er hoffe, die unterschiedlichen Lager zusammenzuführen. "Versöhnen statt spalten" sei schon das Motto von Johannes Rau gewesen. "Ich wäre eine starke Stimme für Herne und das Ruhrgebiet", sagt er in seiner Vorstellungsrede. Er habe den "frischen Blick von draußen", sagt er auf kritische Nachfragen zu seiner fehlenden kommunalpolitischen Erfahrung. Die Herner Parteibasis stimmt am 18. September darüber ab, welcher Kandidat das Rennen macht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Franz Müntefering heiratet Michelle Schumann

(RP/csr)
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