Mittelschicht - wer gehört dazu? Friedrich Merz löst Debatte aus

Debatte um Aussage von Friedrich Merz : Wer zur Mittelschicht gehört

Anders als Friedrich Merz meint, gehört er nicht zur oberen Mittelschicht. Doch diese ist breiter, als viele denken. Das ist eine Stärke des deutschen Wirtschaftssystems.

Über Geld sprechen die Deutschen nicht gerne, die Amerikaner schon. Donald Trump führte im US-Wahlkampf seinen Reichtum durchaus als Beleg für seine Leistungsfähigkeit an. Friedrich Merz, der CDU-Parteivorsitzender werden will, brachten Fragen nach seinen Finanzen dagegen aus der Fassung. Auf die Frage eines „Bild“-Journalisten, ob er denn Millionär sei, erwiderte Merz: Er liege jedenfalls nicht drunter. Und ergänzte: „Ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht in Deutschland zählen.“

Eigentlich dürften hohes Einkommen und Vermögen – erst recht wenn es hart erarbeitet wurde – auch in Deutschland kein Makel sein. Doch Merz weiß eben auch: Viele Wähler mögen am liebsten Politiker, die wie sie selbst sind – bodenständig. Und er weiß, dass der frühere SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auch an seiner Arroganz („Eine Flasche Pinot Grigio, die unter fünf Euro kostet, würde ich nicht kaufen“) gescheitert ist.

Vor diesem Hintergrund ist Merz’ Selbsteinschätzung, er sei Teil der „gehobenen Mittelschicht“, zu verstehen. Ökonomisch ist sie trotzdem falsch – und zwar unabhängig davon, auf welche Definition man schaut.

Eine verbindliche Definition für „die Mittelschicht“ gibt es in der Wissenschaft nicht: Man kann sie finanziell, soziokulturell oder anhand der Wertorientierung abgrenzen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) definiert sie über das Einkommen, da es ein zentrales Statusmerkmal darstelle, so Studien-Autorin Judith Niehues. Sie bildet nun fünf Einkommensschichten in Bezug zum Medianeinkommen (siehe Grafik). Das Medianeinkommen ist das Einkommen, das die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen teilt: Die eine Hälfte der Bevölkerung hat ein höheres Einkommen, die andere ein geringeres. Dabei schaut die Forscherin auf das Haushalts-Nettoeinkommen nach Abzug der Einkommensteuer und Sozialbeiträge sowie zuzüglich möglicher Zahlungen von Renten und Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Als Mittelschicht im engeren Sinne definiert die IW-Forscherin nun jene Haushalte, die zwischen 80 und 150 Prozent des Medianeinkommens haben.

Bei einem Alleinstehenden beträgt das monatliche Medianeinkommen aktuell 1806 Euro. Dieser Wert wiederum wird empirisch ermittelt: Er ergibt sich aus einer breiten Erhebung, dem sozioökonomischen Panel. Damit gehören zur Mittelschicht im engeren Sinn Singles, die netto zwischen 1440 und 2710 Euro im Monat haben. Bei einem Paar mit zwei Kindern beträgt das Medianeinkommen 3788 Euro. Damit zählen solche vierköpfigen Familien zur Mittelschicht im engeren Sinn, die zwischen 3030 und 5690 Euro netto im Monat haben.Als obere Mittelschicht definiert das IW nun solche Familien, die netto zwischen 5690 Euro und 9480 Euro im Monat haben. Familien, die mehr Geld zur Verfügung haben, gelten dagegen als „relativ Reiche“, wie Niehues schreibt. Die Einkünfte aus Mandaten und Kapitalanlagen Merz’ dürften deutlich über 9480 Euro liegen.

Zugleich zeigt die Analyse aber auch, wie breit die Mittelschicht in Deutschland ist. Sie umfasst nach der IW-Definition eben alle vierköpfigen Familien, die zwischen 2280 Euro (unterer Rand der unteren Mittelschicht) und 9480 Euro (oberer Rand der oberen Mittelschicht) haben. Entsprechend große Gruppen ergeben sich auch für Singles (1440 bis 4520 Euro Monatsnetto) und andere Haushalts-Typen.

Die Frage, wie es um die Mittelschicht bestellt ist, beschäftigt viele Forscher. Und das aus gutem Grund: „Die Mittelschicht gilt als Gradmesser für den sozialen Zusammenhalt und als Stabilitätsanker zwischen Arm und Reich“, so IW-Forscherin Niehues. „Es gehört zu den Gründungsversprechen der deutschen Demokratie, dass sich jeder kraft eigener Leistung, flankiert von sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen, einen Platz in der Mitte der Gesellschaft sichern kann“, sagt auch Dorothee Spannagel vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut.

Spannagel sieht mit Sorge, dass die Mobilität zwischen den Schichten gering ist oder gar sinkt. Wer arm ist, steigt teilweise weniger leicht auf als früher. Das liegt aus Sicht der Forscher vor allem daran, dass der Bildungsgrad eines Kindes in Deutschland so stark vom Bildungsgrad der Eltern abhängt wie in kaum einem anderen Land. Nach der Finanzkrise 2007 warnte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor einem Schrumpfen der Mittelschicht. Das IW sieht diesen Trend inzwischen wieder gestoppt: „Im Zuge des ostdeutschen Aufholprozesses vergrößerte sich der Anteil der Mitte zunächst bis 1997 von 50,5 auf 54,8 Prozent, bis 2005 ging ihr Anteil wiederum auf 49,7 Prozent zurück“, schreibt Niehues. „Seit einem Jahrzehnt hat sich das Schichtgefüge nur noch unwesentlich verändert.“

Ein anderes Bild der Verteilung ergibt sich für Deutschland, wenn man nicht auf die Verteilung des Einkommens, sondern des Vermögens schaut. Auch hier liefert die Empirie ein mittleres Vermögen (Median-Vermögen), in Bezug auf das sich eine Mittelschicht definieren lässt. Das Median-Vermögen in Deutschland liegt laut einer Studie der Europäischen Zentralbank pro Kopf bei rund 60.000 Euro. Legt man auch hier die Latte an, dass zur Mittelschicht alle Haushalte gehören, die zwischen 60 und 250 Prozent des mittleren Vermögens haben, gehören dazu alle mit einem Vermögen zwischen 36.000 Euro und 150.000 Euro. Bei Paaren und Familien sind es entsprechend mehr. Ein Vermögens-Millionär wie Merz zählt also nicht zur Mittelschicht.

Das Vermögen in Deutschland ist im europäischen Vergleich übrigens unterdurchschnittlich, was unter anderem daran liegt, dass hierzulande der Hauseigentümer-Anteil geringer ist. Zudem zeigen viele Untersuchungen, dass in Deutschland das Einkommen (nach Steuern und Transfers) recht gleich verteilt ist, das Vermögen dagegen ungleich. Für Alarmismus sieht Forscherin Niehues dagegen keinen Grund: „Die Mittelschicht in Deutschland ist stabil.“

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