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Bundesregierung: Mit Sex für den Klimaschutz

Bundesregierung : Mit Sex für den Klimaschutz

Die Bundesregierung erhofft sich Aufmerksamkeit von ungewöhnlichen Werbekampagnen. Stilsicher ist sie dabei nicht immer.

Die Eltern beim Liebesspiel im Wohnzimmer erwischen will nun wirklich kein Teenager. Dennoch entwickelt sich ein Werbespot von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) mit genau diesem Inhalt zum Hit in den sozialen Medien. Stündlich schauen es sich Zehntausende an. Auf den nächsten Plätzen folgen Zombies, die sich im Garten über den Ehemann hermachen, und der Macho, der an der Tankstelle von der hübschen Radlerin hochgenommen wird. Die ungewöhnlichen Filme bilden den Mittelpunkt der derzeitigen fünfwöchigen Klimaschutz-Werbekampagne von Hendricks, für die sie vor allem auf die Verbreitung im Internet setzt.

1,5 Millionen Euro gibt die Ministerin dafür aus - um selbst prominenter zu werden? Beim Bekanntheitsgrad der aktuellen Bundesminister rangiert die vormalige SPD-Schatzmeisterin weit abgeschlagen. 78 Prozent der Deutschen sagen, die Frau sei ihnen unbekannt. "Öffentlichkeitsarbeit dient der Sache und damit dem Klimaschutz", betont Hendricks' Sprecher. Die Ministerin selbst komme in den zentralen Spots gar nicht vor.

Gleichwohl ist sie Teil der Kampagne und wirkt auch in einem von zehn Blogger-Porträts mit. Die Internet-Schreiber schildern unter dem Hashtag (also der Online-Kennung) #ziek ihre Erfahrungen mit alltäglichem Klimaschutz. "Ziek" klinge zwar krank, aber so sei halt auch der Zustand des Weltklimas, erläutert der Ministeriumssprecher. Tatsächlich stehen die vier Buchstaben für die Website, die das Ministerium unter www.zusammen-ist-es-klimaschutz.de ins Netz gestellt hat und auf der sich die drei schrägen Filmchen ebenfalls finden.

So ist zu erfahren, dass man die Peinlichkeit, die Eltern beim Sex im Wohnzimmer zu überraschen, damit beenden kann, indem man das Licht ausschaltet. In dem Augenblick "sagt die Welt Danke", denn schon fünf Prozent weniger Strom machten ein Kohlekraftwerk überflüssig, lautet die Botschaft hinter dem Geschlechtsverkehr in Regierungsdiensten. Und so sollen die lärmenden Zombies auf richtiges Lüften aufmerksam machen, der Macho an der Tankstelle auf überflüssige Autofahrten. Es gehe darum, nicht immer für die Gleichen zu predigen, erläutert Marco Eisenack vom Online-Magazin "Klimaretter". Und auch Hendricks selbst will ganz nah ran an den Alltag der Menschen. Unserer Zeitung sagte die Ministerin: "Wir wollten mit den durchaus frechen und schrillen Filmen die Netzgemeinde der 18- bis 35-Jährigen erreichen." Sie habe die Filme vor der Veröffentlichung gesehen, sagte Hendricks. "Sie sind zwar nicht unbedingt nach meinem Geschmack, als Satire aber in meinen Augen völlig in Ordnung." Schließlich wolle man den Menschen auf ungewöhnliche Weise nahebringen, dass sie "auch mit Kleinigkeiten zum Klimaschutz beitragen können". Der Zeitpunkt der Kampagne sei aber nicht zufällig gewählt, sondern hänge mit der Diskussion im Vorfeld wichtiger Weltklimagipfel im kommenden Jahr zusammen: Nächste Woche kommen die drei Spots in die Kinos.

Probleme mit dem Timing hatte dagegen Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Ihre Werbung für das Rentenpaket kostete 1,1 Millionen Euro und brachte viele Abgeordnete gegen sie auf, weil sie die Rentenbeschlüsse bereits öffentlich mit Steuerzahlergeld feiern ließ, bevor das Parlament überhaupt abschließend darüber beraten hatte.

Der seinerzeitige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sah sich 2012 sogar zum Stopp einer groß angelegten Kampagne zur Sicherheitspartnerschaft mit den Muslimen in Deutschland gezwungen. Im Stil von Suchanzeigen sollten seine "Vermisst"-Portraits arabisch wirkender junger Menschen vor allem islamische Familien ansprechen, in denen sich Söhne und Brüder plötzlich verändern und in den religiösen Fanatismus und islamistischen Terrorismus abzurutschen drohen. Ziel der Plakatierung: eine Telefonnummer gegen Radikalisierung bekannt zu machen. Doch die Islamverbände liefen Sturm, weil damit Vorurteile geschürt würden. Nach anfänglichem Sträuben beendete der Minister die Aktion.

Ein frühes Ende fand auch die geplante Werbekampagne des Verteidigungsministeriums für mehr weibliche Soldaten. Sie sollte "in frauenaffinen Print- und Onlinemedien" (Originalton Bundeswehr) geschaltet werden. Zuvor war die Reihe wegen ihres einseitigen und angeblich antiquierten Frauenbildes in die Kritik geraten: Mit dem Slogan "Ihr Leben ist bunt und abwechslungsreich. Ihr neuer Job ist es auch" wurde eine attraktive Mutter beim Schuhkauf abgebildet, neben den High Heels standen Kampfstiefel. Ein anderes Motiv zeigte einen weiblichen Oberfeldwebel vor dem heimischen Schuhschrank.

Als noch vor dem offiziellen Start durch eine Panne im Internet ein Vorschaubild mit einer Rolle Haushalts-Krepppapier kursierte - Unterschrift: "So vielfältig wie Sie: Individuelle Karrieremöglichkeiten für Frauen bei der Bundeswehr" -, war es um diese Kampagne geschehen: Sie wurde gestoppt. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) geriet wegen dieses antiquierten Frauenbildes in die Kritik. Gestern eröffnete sie stattdessen den ersten "Showroom" zur Nachwuchsrekrutierung, an der Berliner Friedrichstraße. Mit mehr Information als Emotion. Ohne Sex.

(jd, may-,)