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Unterwegs mit Rüttgers in den USA: Mit dem MP im Allerheiligsten

Unterwegs mit Rüttgers in den USA : Mit dem MP im Allerheiligsten

Washington (RPO). Der Harvard Faculty Club ist so etwas wie das Allerheiligste der Elite-Uni in Cambridge bei Boston. Zutritt zum Club haben nur Mitglieder: privilegierte Studenten, Ehemalige, Gastdozenten, altgedientes Personal und geladene Gäste.

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p class="text">Zum Beispiel der "Minister President of North Rhine-Westphalia". Jürgen Rüttgers ist aufgefordert, bei der "Conference on Germany in the Modern World" zu sprechen. Der holzvertäfelte, mit dickem Teppich ausgelegte Saal im Souterrain ist gut gefüllt, Rüttgers hält seine Rede auf Englisch, obwohl fast alle der Anwesenden Deutsch zumindest verstehen. Das ist sowohl ein Akt der Freundlichkeit als auch der Selbstüberwindung, zumal der Ministerpräsident kein gewandter Englisch-Parlierer ist. Auf eine Frage aus dem Publikum sagt er einmal: "Es wäre viel zu gefährlich, darauf in Englisch zu antworten" - und hat wohl recht damit.

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p class="text">Rüttgers mag Amerika, er bewundert es, das wird heute einmal mehrdeutlich. "Liebenswert" sei das Land, sagt er, und "großartig". Aber erübt auch Kritik - an einer unregulierten Marktwirtschaft, an einem Verlustder Werte, an verantwortungsloser Zockerei. Rüttgers wiederholt sein Credowie ein Mantra: Die Weltwirtschaft braucht Aufsicht, und sie verträgtkeinen Protektionismus. Die Milliarden-Subventionen für dieUS-Autoindustrie seien eine "Verzerrung des globalen Wettbewerbs", dienicht zu lange anhalten dürfe.

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p class="text">Vor einem Jahr war Jürgen Rüttgers während seiner USA-Reise zu Gast an derWall Street. Damals war die Reaktion auf seinen Ruf nach mehr Regeln nurbefremdetes Kopfschütteln. Heute, mitten in Harvard, im Herzen derangelsächsischen Ökonomie-Schulen, stößt er auf Verständnis - wenn auchmit viel Ironie gemischt. Er könne sehr gut nachvollziehen, was Rüttgerszur Bankenaufsicht vorgetragen habe, sagt ein Student. "Aber Sie habenhier gerade in 20 Sekunden die Karrieren so vieler angehenderInvestmentbanker zerstört, die auf hohe Löhne und bald auf den erstenFerrari hoffen. Was sagen Sie diesen ganzen Harvard-Absolventen?" Rüttgerskontert schlagfertig: "Als bekennender Neoliberaler müssten Sie eigentlichflexibler sein." Man müsse das ganze System anders organisieren, "damitdas Vertrauen zurückkommt. Und wenn das nicht passiert, bekommen Sie allenie 'nen Job." Und er fügt hinzu: "Über diesen Grundsatz können wir nichtverhandeln."

Nach der Konferenz ist eigentlich der direkte Transfer zum Flughafenvorgesehen, abends hat Rüttgers einen Termin im Deutschen Haus in NewYork. Aber der Ministerpräsident ordnet Protokolländerung an: "Los, wirmachen noch einen kleinen Gang durch die Stadt." Durch die VolksrepublikCambridge - scherzhaft so genannt, weil hier traditionell strammdemokratisch, also für amerikanische Verhältnisse links, gewählt wird.Einem Touristen sollen unlängst sogar Prügel angedroht worden sein, weiler nach T-Shirts des republikanischen Präsidentschaftskandidaten JohnMcCain gefragt hatte. Den Fehler wird Rüttgers nicht machen, schon alleindeswegen, weil er zu großartigen Gesprächen gar keine Zeit hat. Rüttgersspaziert nicht, er eilt. Er stöbert kurz im Harvard-Andenkenladen, und errauscht auf dem Rückweg auch an dem ältlichen Straßenmusikanten vorbei,der Bob Dylans "The Times They Are A-Changin'" vorträgt. Dabei hätte derMann durchaus einen Dollar verdient gehabt. Wo der Titel doch so gutpasst.