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Missbrauch und Gewalt an Kindern nimmt deutlich zu

Zahlen kindlicher Gewaltopfer : „Unerträgliche“ Zahlen: Missbrauch und Gewalt an Kindern nimmt deutlich zu

In allen Bereichen der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind die Zahlen im vergangenen Jahr gestiegen, zum Teil erheblich. Im Kampf gegen Kindesmissbrauch gilt NRW als bundesweites Vorbild.

Lügde, Münster, Bergisch Gladbach - die Namen dieser Orte in Nordrhein-Westfalen wecken Erinnerungen an abscheuliche Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, die seit 2019 aufgedeckt wurden. Dutzende Kinder sollen Opfer geworden sein, dutzende Kinder haben damit Leid erfahren, das sie wahrscheinlich ihr ganzes Leben begleiten wird. Diese Missbrauchskomplexe spielen am Mittwoch am Rande der Vorstellung der neuen Zahlen kindlicher Gewaltopfer eine Rolle. Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, will darin kein NRW-spezifisches Problem sehen. Ganz im Gegenteil. „Der Campingplatz von Lügde liegt 600 Meter von der Grenze zu Niedersachsen entfernt und Münster könnte genauso gut auch in Freiburg oder einer anderen Stadt stattgefunden haben“, sagte Rörig bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), in Berlin. Er will damit deutlich machen, dass Missbrauch, Misshandlungen von und Gewalt an Kindern bundesweite Probleme sind, denen sich alle Bundesländer gleichermaßen stellen müssten. NRW sieht er dabei als Vorreiter in der Aufarbeitung und Bekämpfung. „Ich finde, dass der Maßnahmen- und Handlungsplan, das Konzept in Nordrhein-Westfalen eine Basis für alle anderen Länder ist, um da gleichzuziehen“, so Rörig.

Wie dringend notwendig das wäre, zeigen die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2020. In allen Bereichen der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind sie gestiegen, zum Teil erheblich. So wurden bei Kindesmissbrauch 6,8 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr registriert und damit mehr als 14.500. Die Misshandlungen durch Schutzbefohlene haben um 10 Prozent zugenommen (insgesamt 4918 Fälle). 152 Kinder kamen im vergangenen Jahr gewaltsam zu Tode, 115 von ihnen waren zum Zeitpunkt ihres Todes jünger als sechs Jahre.

Besonders stark nahm der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie zu -  um ganze 53 Prozent auf 18.761 Fälle. Auch die Zahl der Fälle, in denen Minderjährige selbst Missbrauchsabbildungen verbreiteten, erwarben, besaßen oder herstellten, entwickelte sich konstant nach oben: Sie hat sich laut Statistik  seit 2018 mehr als verfünffacht, auf 7643 angezeigte Fälle im vergangenen Jahr. „Unerträglich“ nannte der Missbrauchsbeauftragte diese Zahlen. Dahinter stehe „zehntausendfaches Leid von Kindern und Jugendlichen“.

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BKA-Präsident Münch wies darauf hin, dass sich nicht alle für 2020 gemeldeten Taten tatsächlich auch im vergangenen Jahr ereignet hätten. Die Statistik erfasst demnach die Fälle zu einem Zeitpunkt, an dem die Polizei ihre Ermittlung abschließt. Und er machte deutlich, dass eine Intensivierung der Ermittlungsarbeit auch zu steigenden Zahlen führen kann. Auch Münch bezog sich auf Nordrhein-Westfalen und den dortigen Kampf gegen Missbrauchsfälle. „Dort gelangten die Strafverfolgungsbehörden im Rahmen der Auswertung von sichergestellten Datenträgern an weitere Erkenntnisse zu pädokriminellen Tätern und der Kreis der Tatverdächtigen weitete sich immer weiter kaskadenartig aus.“ Forensische Daten würden in NRW in einen gemeinsamen Speicher fließen, auf den verschiedene Stellen zugreifen könnten, zudem sei Personal massiv aufgestockt worden.

Zugleich betonte der BKA-Präsident, dass es sich bei den Zahlen nur um das Hellfeld handelt, also die tatsächlich erfassten Fälle. „Das Dunkelfeld ist sehr sehr groß.“ Laut Rörig müsse man die statistisch erfassten Zahlen sogar um ein Siebenfaches erhöhen, um eine realistische Vorstellung  der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu bekommen.

Münch schloss dabei nicht aus, dass Corona-bedingte Stressfaktoren und Isolation zu einer Zunahme der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche führten. Für Familien stelle diese Zeit eine Ausnahmesituation dar. „Räumliche Beengtheit, Existenzängste, familiäre Spannungen können dazu beitragen, dass sich Gewalt stärker entlädt“, sagte Münch. Kinder könnten durch die Beschränkungen auch weniger auf Gewalterfahrungen aufmerksam machen und mögliche Unterstützer von außen, etwa Erzieher oder Lehrer, hätten weniger Zugang zu den Kindern und Jugendlichen. Das Fazit des BKA-Chefs: „Die überwiegende Anzahl von Straftaten gegen Kinder, Misshandlungen, sexueller Missbrauch geschehen in der privaten Umgebung, und diese Straftaten bedeuten häufig lebenslange psychische und auch physische Folgen bei den Opfern.“

Auch der Missbrauchsbeauftragte zog einen klaren Schluss aus den bedrückenden Zahlen: „Wir müssen den Kampf konsequenter führen.“ Und nach Rörigs Darstellung muss dieser Kampf umfassend sein: Er forderte unter anderem einen genaueren Überblick über die Zahlen, mehr Investitionen in Prävention und Intervention, mehr medienpädagogische Bildung an den Schulen und die Verankerung des Kampfes gegen Kindesmissbrauch in den Wahlprogrammen der Parteien. Für die Zeit nach der Bundestagswahl forderte Rörig eine Enquetekommission des Bundestags, in der Datenschützer, Kinderschützer, Ermittler und Vertreter von Internet-Unternehmen sowie der Gaming-Industrie gemeinsam eine Strategie zur Bekämpfung sexueller Gewalt im Netz erarbeiten. „Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt muss in Deutschland insgesamt zur Chefsache werden.“ Und noch einmal kam Rörig auf NRW zu sprechen: Das Land habe gezeigt, wenn dieser Kampf zur Chefsache gemacht werde, kämen dabei „sehr gute Entscheidungen“ heraus, die in der Prävention, bei Hilfen und Unterstützung zu Verbesserungen führen würden.