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Merkels Fernsehansprache zur Coronakrise: "Nehmen Sie es ernst"

Merkels Fernsehansprache : Merkel: Es ist ernst - Nehmen Sie es auch ernst

Die Kanzlerin erklärt, warum die Coronakrise die größte Herausforderung seit dem Krieg ist. Und dass die nächsten Wochen noch schwerer werden.

Die Bürger in den USA kennen das, die in Russland, in Frankreich und anderswo auch. Wir nicht. Angela Merkel hat sich in ihrer bald 15-jährigen Kanzlerschaft - abgesehen von ihren Ansprachen an jedem 31. Dezember samt guten Wünschen für das neue Jahr - noch nie via Fernsehen an die Nation gewandt. Nicht in der Schuldenkrise 2008, nicht einmal in der Flüchtlingskrise 2015. Eine TV-Ansprache mit festem Blick in die Kamera, wie am Mittwochabend von ARD und ZDF übertragen, zur gezielten Information der Bürger hat es von ihr noch nie gegeben. Es ist nur ein weiterer Beweis, welches Ausmaß die Coronakrise angenommen hat. Merkel sagt: „Das Coronavirus verändert zurzeit das Leben in unserem Land dramatisch. Unsere Vorstellung von Normalität, von öffentlichem Leben, von sozialen Miteinander - all das wird auf die Probe gestellt wie nie zuvor.“ Eine „historische Aufgabe“.

Anfangs hielt sich die Kanzlerin völlig im Hintergrund. Sie überließ Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die öffentliche Bühne zur Erklärung, was die Bundesregierung zur Bekämpfung der aus China kommenden Coronapandemie unternimmt. In der vorigen Woche trat sie dann erstmals mit ihm gemeinsam auf. Mit dem rapiden Anstieg der Zahl der Infizierten informiert Merkel seit Montag täglich selbst. Und nun via Fernsehen.

Die 65-Jährige genießt laut Umfragen trotz aller Turbulenzen mehr als alle anderen Politiker in Deutschland das Vertrauen der Menschen. Ihre ruhige und besonnene Art wird auch in anderen Parteien als wohltuend empfunden. So twitterte der Grünen-Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer nach der „Wir-sind-im-Krieg“-Rede von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Montagabend: Im Krieg mit einem Virus? Er bevorzuge Merkels Sprache. „Sie spricht zu uns als Bürger, nicht als Soldaten.“

Stark im öffentlichen Auftreten ist Merkel immer dann, wenn sie etwas aus tiefstem Herzen macht. Ihre letzte Rede als CDU-Vorsitzende 2018 in Hamburg war so eine Ansprache. Klarer Rückblick, schonungslose Gegenwartsanalyse, optimistisches Vermächtnis. Und Emotion. Es war ihr eine Freude, es war ihr eine Ehre, hatte sie damals gesagt und den ersten Schritt zum Abschied aus der Politik getan. 2021 ist ganz Schluss, kündigte sie damals an – mit dem für sie guten Gefühl, dass mit Annegret Kramp-Karrenbauer an der CDU-Spitze ihre Favoritin die Nachfolge antrat. Und mit der Aussicht, dass die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 die letzte große Herausforderung anstünde.Inzwischen ist Kramp-Karrenbauer eine scheidende Vorsitzende, der Kampf um Merkels Erbe ist erneut entbrannt und die dramatische Situation von Flüchtlingen an der EU-Außengrenze hat die Kanzlerin erneut eingeholt.

Aber die Coronakrise zum Ende ihrer Kanzlerschaft stellt auch Merkel vor die größte Herausforderung ihrer politischen Laufbahn. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, mahnt sie. Seit der Wiedervereinigung, „nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“. Deutschland habe ein exzellentes Gesundheitssystem, vielleicht eines der besten der Welt. Aber auch die hiesigen Krankenhäuser wären völlig überfordert, wenn in kürzester Zeit zu viele Patienten eingeliefert würden, die einen schweren Verlauf der Coronainfektion erleiden. Eindrücklich warnt sie: „Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern dass ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen.“

Die Einschränkungen mit Grenzkontrollen, Quarantäne, Schulschließungen, Absagen von Veranstaltungen habe es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben. Aber sie seien unverzichtbar, um Leben zu retten. Für die Wirtschaft sei es jetzt schon sehr schwer. Und: „Die nächsten Wochen werden noch schwerer.“ Die Lebensmittelversorgung sei aber gesichert, leere Regale in den Supermärkten würden wieder aufgefüllt. „Hamstern, als werde es nie wieder etwas geben, ist sinnlos und letztlich vollkommen unsolidarisch.“ Niemand sei verzichtbar, es komme auf alle an. „Das ist, was eine Epidemie uns zeigt: wie verwundbar wir alle sind, wie abhängig von dem rücksichtsvollen Verhalten anderer aber damit eben auch: wie wir durch gemeinsames Handeln uns schützen und gegenseitig stärken können.“

Sie sei vollkommen sicher, dass das Land diese Krise überwinden werde. „Aber wie hoch werden die Opfer sein? Wie viele geliebte Menschen werden wir verlieren?“ Für Merkels Verhältnisse ein dramatischer Appell. Es gibt zu viele Beobachtungen, dass etliche Bürger sich immer noch viel zu sorglos verhalten. „Es wird nicht nur, aber auch davon abhängen, wie diszipliniert jeder und jede die Regeln befolgt und umsetzt. Wir müssen, auch wenn wir so etwas noch nie erlebt haben, zeigen, dass wir herzlich und vernünftig handeln und so Leben retten.“ Und damit es wirklich alle verstehen, schließt sie mit der Bitte: „Passen Sie gut auf sich und auf Ihre Liebsten auf.“

(kd)