Das Leben der Hatice Akyün: Meine türkische Erfolgsgeschichte

Das Leben der Hatice Akyün : Meine türkische Erfolgsgeschichte

Berlin (RP). Die Journalistin Hatice Akyün wurde vor 41 Jahren als Tochter anatolischer Analphabeten geboren. Ihre Mutter trägt Kopftuch, sie selbst nicht. Sie hat studiert und eine erfolgreiche Karriere gemacht – und sie ist froh über ihre türkischen Wurzeln. Hier schreibt sie über ihre Erfolgsgeschichte.

Berlin (RP). Die Journalistin Hatice Akyün wurde vor 41 Jahren als Tochter anatolischer Analphabeten geboren. Ihre Mutter trägt Kopftuch, sie selbst nicht. Sie hat studiert und eine erfolgreiche Karriere gemacht — und sie ist froh über ihre türkischen Wurzeln. Hier schreibt sie über ihre Erfolgsgeschichte.

Hätte Thilo Sarrazin Recht, dürfte es mich gar nicht geben. Tochter von Gastarbeitern, aufgewachsen in Duisburg-Marxloh, ein Viertel, das immer dafür herhalten muss, wenn es darum geht, einen heruntergekommenen, von Ausländern dominierten Stadtteil zu zeigen.

Ich habe auch nie einen Kindergarten besucht, meine Schullaufbahn begann in der 5. Klasse auf der Hauptschule, meine Mutter ist Analphabetin, und ich bin inmitten von türkischen Familien aufgewachsen. Die besten Voraussetzungen also, eine misslungene Integration á la Sarrazin zu werden. Aber manchmal stimmen Klischees eben nicht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in der Zechensiedlung lebten. Wir waren die Akyüns, die mit den vielen Kindern, dem Grill, der zu jeder Jahreszeit qualmte und der kopftuchtragenden Mutter, die es zum Ärger der deutschen Nachbarn nicht sein lassen konnte, auch am Sonntag Wäsche aufzuhängen. Was hätte die gute Frau auch tun sollen mit sechs Kindern?

Vater besuchte nie eine Schule

Wenn meine Geschwister und ich keine Lust hatten, raus zu gehen sagte mein Vater streng: "Los, geht raus, geht auf den Spielplatz, spielt mit deutschen Kindern, lernt die Sprache." Mein Vater hatte früh begriffen, dass sein Aufenthalt in Deutschland für seine Kinder von Vorteil ist.

Er selbst hat nie eine Schule besucht, weil es in dem anatolischen Dorf, in dem er aufgewachsen ist, keine Schule gab. Aber er wusste, dass wir diese Chance nun hatten. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum sich Menschen der Bildung verweigern. Das gibt es auch in deutschen Familien.

Mein unbezahlbares Glück war es, in dieser Zechensiedlung in Marxloh aufzuwachsen. Unsere Nachbarn hießen Gerti und Jupp, ihre Kinder Sven und Sabine. Als wir einmal gemeinsam in unserem Garten saßen — meine Vater hatte wieder den Grill angeworfen — legte Jupp die Hand auf die Schulter meines Vaters und sagte: "Weisse Rafet, jetz bisse eina von uns." Es war die schönste Willkommenserklärung, die man sich als türkische Familie vorstellen konnte.

Wir waren eine Arbeiterfamilie und ich eine Bergmannstochter. Das verband uns. Erst später wurde aus mir die Türkentochter, dann die Kümmeltürkin, und heute bin ich politisch korrekt eine Deutsche mit Migrationshintergrund. Ich möchte aber nicht politisch korrekt sein. Denn am Ende des Tages bin ich ein Mensch, mit all den Eigenschaften, die sich aus meiner deutschen und türkischen Welt entwickelt haben.

"Ich dachte, wir sind sonderbar"

Für meinen Vater war es nicht immer leicht, seinen vier Töchtern den Freiraum zu geben, den auch meine deutschen Freundinnen hatten. Er hatte Angst, dass wir zu "deutsch" werden könnten. Was immer er sich darunter vorgestellt haben mag. Meine Mutter konnte "zu deutsch" viel besser eingrenzen: "In meinem Haus wird nur türkisch gesprochen", befahl sie uns. Wenn ich ihr erklärte, dass es für meine Zunge nicht einfach sei, ganz auf Deutsch zu verzichten, fauchte sie mich an: "Die Zunge hat keinen Knochen, sie beherrscht die Muttersprache immer."

Als Kind habe ich mich oft seltsam gefühlt. Ich dachte, wir sind sonderbar. Meine Mutter trägt Kopftuch, wir essen anders, wir sprechen anders. Ich habe das als schlimm empfunden. Erst als ich älter wurde, habe ich gemerkt, mit wie viel Reichtum ich gesegnet war, weil ich die Chance hatte, mit zwei Sprachen und zwei Kulturen aufzuwachsen, und dass ich eine Menge vermissen würde, wenn ich mich für eine meiner Welten entscheiden müsste.

Ich spreche niemanden von der Verantwortung frei: Nicht die Politiker, die mit sprachlicher Früherziehung, Ganztagsschulen und besonderer Förderung dafür sorgen müssen, dass auch den Benachteiligten in unserem Land Chancen eröffnet werden, nicht die Gesellschaft, die Integration auch zulassen muss und nicht mit Assimilierung verwechseln darf, nicht die Migranteneltern, die ihre Kinder bestärken müssen, die deutsche Sprache zu erlernen. Nur so werden die Kinder Erfolg in Schule und Beruf haben.

Eine Art Vorbild für andere

Meine Familie hat es geschafft. Auch, weil wir "zufällig" Menschen um uns herum hatten, die bei der Integration geholfen haben. Aber mein Vater musste einen langen Weg gehen, viel länger und steiniger als meiner. Nicht selten tuschelten andere Türken in der Moschee hinter vorgehaltener Hand über meinen Vater: darüber, dass er seinen Töchtern erlaubte, ins Schullandheim zu fahren oder am Nachmittag Tanzkurse in der Schule zu besuchen. Wenn mein Vater dies mitbekam, ging er zu den anderen Vätern und sagte: "Zeig' mir die Stelle im Koran, in der steht, dass Töchter dies nicht dürfen?"

Ich war unglaublich stolz darauf, wie mein Vater zu dem stand, was er tat. Und es hatte auch einen positiven Effekt. Plötzlich waren meine Geschwister und ich eine Art Vorbilder für andere türkische Familien. Sie sahen, wie ich das Abitur schaffte, eine Ausbildung begann, sogar allein in einer eigenen Wohnung lebte, aber trotzdem nicht "auf der Straße" landete. Ich hatte das Gefühl, dass diese Väter durch meine Familie begriffen haben, dass Freiheit nicht Freizügigkeit bedeutet.

Es gibt ein türkisches Sprichwort, das besagt: Nicht, wo du geboren bist, sondern wo du satt wirst, ist deine Heimat. Ich werde in meinem Heimatland nicht nur satt, sondern bin auch sehr glücklich hier.

(RP)
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