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Linken-Politiker Gregor Gysi im Interview: "Meine Stasi-Unterlagen entlasten mich"

Linken-Politiker Gregor Gysi im Interview : "Meine Stasi-Unterlagen entlasten mich"

Der Spitzenkandidat der Linkspartei, Gregor Gysi, spricht mit unserer Redaktion über die Ermittlungen gegen ihn und mögliche Stimmen für Peer Steinbrück.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Sie wegen einer angeblichen Falschaussage über Ihre Stasi-Kontakte. Wie war Ihr Verhältnis zur DDR-Staatssicherheiti?

Gysi Die Anschuldigungen sind falsch, und das wird sich auch herausstellen. Ich habe nie mit der Stasi zusammengearbeitet. Das war auch nicht nötig. Ich hatte einen direkten Kontakt zur SED, das war für mich und meine Mandanten, zum Beispiel Robert Havemann, viel wichtiger. Ich habe für Robert Havemann dadurch einiges bewirken können, etwa die Aufhebung des Hausarrestes.

Seit 20 Jahren stehen Ihre Stasi-Kontakte immer wieder in der Kritik. Sind Sie nur Opfer einer Medienkampagne?

Gysi Auf jeden Fall gibt es Menschen, die mich jagen und weghaben wollen. Menschen, die mich hassen. Es ist meine Person, meine Vergangenheit, meine Stellung für die Linkspartei, die denen nicht passt. Wenn ich bei der CDU wäre, wäre ich längst rehabilitiert.

Das klingt nach Verschwörungstheorie. Es gibt handfeste Dokumente, die Ihre Tätigkeit für die Stasi nahelegen.

Gysi Das sind Dokumente über Dienstgespräche. Ich habe nie bestritten, dass ich als Vorsitzender des Rechtsanwaltskollegiums mit einem Berliner Stasi-Vertreter und als Anwalt mit Vernehmern der Staatssicherheit gesprochen habe. Darin habe ich aber nicht über meine Mandate gesprochen oder Mandanten verraten. Die eigentlichen Stasi-Unterlagen zu mir selbst entlasten mich doch. Die Stasi hat es abgelehnt, mich anzuwerben. Ich sei als IM ungeeignet, steht in den Akten. Dann haben sie gegen mich eine "Operative Personenkontrolle" eröffnet. Das sagt doch alles.

Sie lebten in der DDR durch Ihre herausgehobene Anwaltsstellung gut?

Gysi Ich durfte als Anwalt in Verfahren dem Staat, dem örtlichen Bürgermeister, widersprechen, hatte einen Nischenberuf und verdiente gutes Geld.

Waren Sie ein Anhänger der DDR?

Gysi Ich war loyal zur DDR, ich will da keine Heldengeschichte erzählen. Meine Kindheit spielt da auch eine Rolle. Mein Vater hat mir früh erzählt, dass die Nazis Angehörige von uns hingerichtet haben. Ich dachte, ich stehe auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber ich habe zunehmend gemerkt, dass der Staatssozialismus scheitert. Ein Staat, der seinen Bürgern die Ausreise verweigert, ist mehr als schwach. Ich gebe aber zu, dass ich noch 1988 geglaubt habe, dass die DDR überlebt, weil die Sowjetunion sie braucht und Beharrungstendenzen in einer Diktatur unwahrscheinlich stark ausgeprägt sind.

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Das klingt alles so harmlos. Die DDR war ein mörderisches System.

Gysi Ich weiß, dass es auch schwere Menschenrechtsverletzungen gab. Das wurde alles mit dem Kalten Krieg begründet, das war natürlich falsch. Die DDR hätte ein weltweites Reiserecht gebraucht, dann wäre so gut wie niemand über die Mauer gesprungen. Die SED war zu einer Erneuerung aber nicht in der Lage.

Als Spitzenkandidat stehen Sie nun unter Druck. Übernimmt am Ende doch Oskar Lafontaine Ihre Rolle?

Gysi Machen Sie sich keine Sorgen, es bleibt alles, wie es ist. Ich bin ein Spitzenkandidat, und Oskar Lafontaine wird selbstverständlich auch eine wichtige Rolle für uns spielen.

Können Sie sich als Abgeordneter vorstellen, Peer Steinbrück zu wählen?

Gysi Das sehe ich ganz pragmatisch. Wenn wir einen Kompromiss mit der SPD in zentralen Fragen wie Sozial-, Finanz- und Außenpolitik hinbekommen würden, scheitert die Wahl eines SPD-Kanzlers nicht an uns. Ich sehe nur, dass Peer Steinbrück ein neoliberaler Politiker ist, der die SPD in Wirklichkeit bei Schröders Agenda-Zeiten halten will. Nur mit der Linken hat die SPD wieder die Chance, sozialdemokratisch zu werden.

Beim Blick auf die innenpolitischen Programme von SPD, Grünen und Linken erscheint Rot-Rot-Grün möglich.

Gysi Natürlich ist eine rot-rot-grüne Koalition möglich. In der Rentenpolitik, in der Sozial- und Finanzpolitik müssten wir harte Verhandlungen führen, aber Kompromisse gehören in der Politik dazu. SPD und Grüne müssten allerdings viel weiter gehen als wir. Die Frage ist, ob die gesellschaftliche Bereitschaft dazu da ist. Auch ein konservativer Bayer muss am Ende mit einem solchen Bündnis zumindest leben können. Da bin ich für 2013 nicht sicher. 2017 kann das schon anders sein.

MICHAEL BRÖCKER UND GREGOR MAYNTZ FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

(brö/may-)