30 Jahre Mauerfall - Brief an die aus der DDR geflohene Großmutter

30 Jahre Mauerfall : Republiksucht

Wie seine Familie aus der DDR geflohen ist, hat unser Autor oft gehört, aber nie verstanden. Nun ist er dahin gereist, wo ihre Flucht begann. Ein Brief an seine verstorbene Großmutter, die in Dinslaken ein neues Leben fand, ihre Heimat aber zeitlebens anderswo verortete.

Wenn ich für Dein Leben einen Soundtrack finden müsste, ich würde bei Mozart suchen. Er war unter all Deinen Lieblingskomponisten der allerliebste. Deine CD-Sammlung steht in meinem Regal, auch wenn kaum ein Mensch noch CDs hört. Jetzt, nachdem ich in Hagenow war, Deine Geschichte studiert und mit Inge gesprochen habe, da zweifle ich, dass Mozart zu Deiner Biografie passt. In meiner Küche höre ich das Klarinettenkonzert – bevor Du fragst: Köchelverzeichnis 622 – und merke, dass es, wie fast alles von Mozart, so wundervoll harmonisch ist. Dein Leben war, in seiner ersten Hälfte, nicht harmonisch.

Am Computer habe ich mir die Route Deines Lebens angesehen. Bei Google Maps habe ich Angerburg eingegeben und Schirwindt, hineingezoomt und herausgezoomt, als handele es sich um meine nächsten Reiseziele. Ich habe gesehen, dass die Orte die Nationalität und die Namen gewechselt haben und dass sie ganz woanders liegen, als ich dachte. Kaliningrad, das Du nur Königsberg nanntest, ist ganz schön weit im Osten. Du hast in Deinem Leben nie einen Computer benutzt. Google Maps, bin ich sicher, fändest Du interessant. Von Schirwindt nach Dinslaken braucht man mit dem Auto 14 Stunden, 50 Minuten, sagt Google Maps, für 1415 Kilometer. Du hast 40 Jahre gebraucht.

Bloß, Du bist nicht gereist. Du hast kein Ziel in ein Programm eingegeben, hineingezoomt und herausgezoomt, und warst einfach lange unterwegs. Du musstest fliehen.

Die Nationen von damals gibt es nicht mehr. Die Grenzen haben seit 1920, dem Jahr, in dem Du geboren wurdest, mehrfach den Verlauf geändert. Als Du ein Jahr alt warst, bist Du mit Deinen Eltern und Deinen vier Geschwistern von Oberschlesien nach Ostpreußen gezogen. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem Du Deinen geliebten Bruder Willi verloren hast, musstest du Ostpreußen Richtung Mecklenburg verlassen. Und 1960, ein Jahr bevor die SED-Diktatur eine Mauer durch Deutschland zog, bist Du aus der DDR geflohen.

Du hast mir erzählt, wie Du das erste Mal im vereinten Berlin warst. Wie Du mit einer Freundin durch das Brandenburger Tor gelaufen bist, Ihr Euch in die Arme gefallen und in Tränen ausgebrochen seid. Immer wenn ich in Berlin bin, bemühe ich mich, durch das Brandenburger Tor zu gehen. Ein bisschen will ich dann wissen, ob es noch immer geht. Mehr hoffe ich, Dir dann nah zu sein. Zu fühlen, was Du gefühlt haben musst. Aber das geht nicht, und das ist wohl gut.

Die Geschichte, wie Du geflohen bist, hast Du mir oft erzählt. Verstanden habe ich sie nie. Deswegen schreibe ich Dir, auch wenn Du diesen Brief wohl nie lesen wirst. Und deswegen bin ich zurückgereist, in eine unfassbare Zeit. In Deine Zeit.

Es ist dunkel, als Mama und ich ankommen. Wir haben uns an der Kirche vorbeigetastet und waren ein wenig erschreckt, als wir das Gebäude sahen. Am 1. September 1951 wurden Opa und Du hier Lehrer für Deutsch und Russisch, an der „Erweiterten Oberschule II“ in Hagenow. Heute heißt sie Europaschule.

Wir schauen uns die Schule genau an, obwohl wir kaum etwas sehen. Ich versuche mir vorzustellen, wie Du über die Gänge läufst und die Schüler anlächelst. Es fällt mir nicht schwer. Für einen Augenblick glaube ich, Dich hinter einem der Fenster zu sehen. Aber das ist leider Quatsch.

In dem Text, den Du über Dein Leben geschrieben hast, sagst Du: „Ich hatte zu Anfang eine fünfte Klasse, die Arbeit machte mir Freude.“ Du warst sicher eine wunderbare Lehrerin, einfühlsam, nur ganz manchmal streng. Der Staat, für den Du gearbeitet hast, fand nicht, dass Du eine wunderbare Lehrerin warst. Der Staat, für den Du gearbeitet hast, sah in Dir eine Bedrohung.

Du hast mir erzählt, wie Ihr Lehrer die Schüler aushorchen solltet. Ihr solltet notieren, was sie reden oder malen, und entlarven, dass ihre Eltern Westfernsehen schauen. Du hast mir auch erzählt, wie schwer Du Dich damit getan hast. Auch deswegen hat die DDR immer mehr Lehrer eingestellt, die weder Grammatik noch Rechtschreibung beherrschten, aber über das richtige Parteibuch verfügten.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, in einem unfreien Land zu leben. Aber ich weiß, dass ein freies Land keine Schüler ausspioniert. Du hast versucht, in diesem unfreien Land, das sich demokratisch nannte, zu leben. Du hast es nicht ertragen.

Dreißig Jahre ist es her, dass die friedliche Revolution die Mauer zu Fall brachte. In Deutschland diskutieren sie gerade, was das mit den Menschen gemacht hat. Es ist nicht besonders schön, dieser Diskussion zu folgen. Der Blick auf den Mauerfall ist getrübt. Dieses Land behandelt sich, als stünde diese verdammte Mauer noch. Die Ostdeutschen. Die Westdeutschen. In die Arme fallen sich die Menschen nicht mehr, wenn sie das Brandenburger Tor durchschreiten. Es bricht niemand mehr in Tränen aus, höchstens, weil derjenige glaubt, er lebe heute wieder in einem unfreien Land. Mozarts Harmonie könnte Deutschland gerade ganz gut gebrauchen.

Es ist das erste Mal seit der Flucht vor 59 Jahren, dass Mama in Hagenow ist. Als wir am Krankenhaus vorbeifahren, sagt sie: „Da muss ich geboren sein.“ Uns beiden ist Hagenow, Landkreis Ludwigslust-Parchim, 30 Minuten südwestlich von Schwerin, fremd. Erst als Inge, Deine älteste Freundin, mit der Dich ein Pakt für das Leben verbindet, uns durch Hagenow leitet, erwachen die Jahre 1951 bis 1960 zum Leben.

Inge hat uns Kuchen gekauft, viel zu viel. Das hättest Du auch so gemacht. Sie wohnt sehr schön, es ist warm und gemütlich. Deine bemalten Teller hängen in der Küche an der Wand. Bei ihr haben wir ein Stück Zuhause in Hagenow gefunden. Inge, kürzlich 90 geworden, hätte man gern zur Freundin.

Sie ist nicht mehr so gut zu Fuß, deshalb stehen wir mit dem Auto vor Eurem alten Haus. Sie zeigt, wo Ihr gewohnt habt, und wo sie gewohnt hat. Es ist kein Problem, dass wir länger auf der Straße stehen bleiben, es kommt kein Auto. Vor der Tür Eures alten Hauses spielt ein Mädchen, es schaut uns ratlos an, und wir schauen ratlos zurück. In diesem Haus habt Ihr gelacht, gegessen, geweint. In diesem Haus habt Ihr beschlossen, Republikflucht zu begehen. In diesem Haus hat Euch die Stasi besucht, immer wieder. Sie hatte es nicht weit, eine Abteilung lag im Haus gegenüber.

Die Polizei hat Euch die Ausweise abgenommen. Überraschend stand immer wieder jemand von der Partei bei euch in der Tür, etwa der Rektor. Sie warfen Euch vor, Geld von der Bank abgehoben zu haben. Oder, die Gardinen gewechselt zu haben. Ihr habt immer intensiver nach Wegen aus dieser DDR gesucht, und auch einen gefunden.

Der 28. August war in unserer Familie immer ein Feiertag. Als ich klein war, zu klein, um all das zu begreifen, und alle zu Kaffee und Kuchen zu Dir kamen, Du das feine Rosenthal-Service gedeckt hast, habe ich nur gespürt, dass dies ein besonderer Tag für Dich sein musste. Es stand dann Frankfurter Kranz auf dem Tisch, den ich bis heute nicht mag. Aber die Dimension des 28. August erfasse ich allmählich.

Zu Beginn der Sommerferien 1960 absolvierte Opa eine Fortbildung in Potsdam. Mit dem Hausmeister hatte er verabredet, dass die Familie 14 Tage Urlaub in der Hochschule machen durfte. Im Zug sah die Polizei an Euren Ersatzausweisen, dass Ihr Problembürger wart. Aber sie haben Euch fahren lassen. Ihr habt Euch die Gärten und Parks in Sanssouci angesehen, aber Eure Sorgen nicht verloren. Überall habt Ihr nach Lücken gesucht, durch die man dieses unselige Land hätte verlassen können. Vergeblich.

Als Ihr wieder in Hagenow ankamt, da lief gerade ein Polizist aus Eurer Wohnung. „Ich weiß nicht, wer mehr erschrocken war, der Polizist oder wir“, schreibst Du. Er glaubte, er hätte Republikflüchtlinge ertappt. Aber weil Inge die Treppe herunterkam und eine Postkarte von Euch aus Potsdam zeigen konnte, glaubte die Stasi Euch zunächst, und gab Euch Eure Ausweise zurück.

Inge und Du – Ihr habt Euch in einer Zeit kennengelernt, in der die Freundschaft kaum ohne die Komplizenschaft zu denken war. Inge hat euch ein Leben lang gedeckt. Welche Dankbarkeit, welche Verbindung dabei zwischen zwei Menschen entsteht, kann ich nur erahnen. Der Wert von Freundschaft ist heute vager. Es gibt nicht wenige Leute, die halten einander für Freunde, weil sie gegenseitig Fotos im Internet liken. Das Leben in diesem Land ist frei geworden, einfach ist es deswegen noch nicht.

Hinter den Sieben Eichen ebnete sich steinig Euer Weg in die Freiheit. Inge, Mama und ich sind hergefahren, ein ganzes Stück von Eurer Wohnung. Sieben Eichen sind nicht zu sehen, die gleichnamige Gaststätte auch nicht mehr, nur die kleine Schrift auf der Bushaltestelle. Es ist für uns unmöglich, an diesem Ort zu sein, und nicht ergriffen.

Der 28. August 1960 ist ein Sonntag, der Tag, an dem sich Euer Herz zu einer Faust ballt. Der Tag, an dem Eure Sehnsucht nach Freiheit größer wurde als Eure Vernunft.

Ihr habt Euch aufgeteilt. Opa ist mit den Söhnen „zur Kirche“ gegangen, und Du mit Mama erst zum Friedhof und dann zu den Sieben Eichen. Ein Taxifahrer wartete, es war Inges Vetter, der Euren kleinen Koffer schon im Wagen hatte und Euch nach Potsdam bringen sollte. Zwei Stunden dauerte die Fahrt, die Kinder wurden ungeduldig. Sie wollten wissen, wohin die Reise geht. Zu einer Konfirmation, sagtest Du.

Ich war früher sehr aufgeregt, wenn ich am nächsten Tag Mathearbeiten schreiben musste. Ihr habt keine Mathearbeit geschrieben. Ihr wart auf einem Weg, der in der Freiheit enden würde, oder im Gefängnis. Du schreibst darüber bloß: „Uns war recht beklommen zumute.“ Ich wünschte, nie über Mathearbeiten gejammert zu haben.

Am Potsdamer Bahnhof habt Ihr Euch in unterschiedliche Waggons gesetzt. Kaum fuhr die S-Bahn los, kontrollierten Polizisten die Ausweise. Du hast versucht, gleichgültig zu schauen. Sie hatten nichts auszusetzen. Die Freiheit war zum Greifen nah, eine Station weiter. Ihr wagtet nicht zu jubeln, sondern nahmt den nächsten Zug nach Berlin-Marienfelde. Durch die Fenster sahen die Kinder tolle Autos und große Bagger. „Sind wir im Westen?“ „Ja.“

Im Notaufnahmelager Marienfelde sind 1,5 Millionen Menschen angekommen. Wenige Kilometer von ihrem Zuhause wurden sie von DDR-Bürgern zu Flüchtlingen. Jeder von Euch bekam ein Bett in einem großen Schlafsaal. Ihr wurdet ärztlich untersucht und von den Alliierten nach den Gründen Eurer Flucht gefragt. Die Antwort in Block P hätte lauten können: Republiksucht.

Heute sind die Geschichten über Fluchtversuche aus der DDR immer spektakulär. Es muss besonders brenzlig sein, irre oder lebensmüde, damit die Geschichten in Filmen, Zeitungen oder Schulbüchern auftauchen. Wenigstens aber muss die Mauer schon gestanden haben. Den Actionfans merkt man Enttäuschung an, wenn ich von Deiner Flucht erzähle. Ach, die Mauer stand noch nicht, sagen sie. Zum Glück, sage ich. Strafbar war die Ausreise trotzdem.

Für mich ist die Szene in der S-Bahn unvorstellbar. Dass die Polizei Euch kontrolliert, aber passieren lässt. War das Nachsicht? Dummheit? Jedenfalls: großer Zufall. Ein Zufall, der Euer Leben verbessert und die Familie bis ins Mark geprägt hat. Unsere Identität verdanken wir diesem Zufall. Unsere Identität ist ein Zufall.

Sechs Monate wart ihr Flüchtlinge. Von Marienfelde ging es ins Lager in Hahn, von Hahn nach Unna-Massen. Ihr hattet Verwandtschaft im Westen, die Euch Obdach gewährt hat an Weihnachten, die Euch geholfen hat. Aber Ihr wolltet nicht dorthin, wo Verwandte sind. „Wir wollten es allein schaffen, nicht als ungeliebte Angehörige auftreten“, schreibst Du. Das habt Ihr.

In der Debatte über Ost und West, die dieses Land mehr trennt als eint, bin ich ein Westdeutscher. Ich bin in Dinslaken geboren, aufgewachsen, sozialisiert. Meinen Wohnsitz habe ich noch nicht weiter verlegt als nach Düsseldorf. Wenn Deine Biografie etwas lehrt, dann, wie unbedeutend Nationalität für die Identität sind.

Du bist über 40 Jahre nach Westen gezogen. Hinter Dir haben sich Grenzen verschoben und Staaten aufgelöst. Du hast Ostpreußen als Deine Heimat bezeichnet, obwohl Du viel länger in Dinslaken-Hiesfeld gelebt hast. Was unterscheidet einen Ostdeutschen von einem Westdeutschen? Was unterscheidet einen Polen von einem Russen? Was einen Litauer von einem Deutschen?

Als Ihr im Flüchtlingslager in Hahn gelebt habt, hattet Ihr Euch in Düsseldorf als Lehrer beworben. Einige Monate später bot man euch Stellen in Dinslaken an. Meiner Heimatstadt, 1400 Kilometer von Deiner Heimatstadt entfernt. Es sind die Zufälle in unseren Biografien, die uns zu dem machen, was wir sind.

(her)
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