Martinskirche in Kassel: 1300 Gäste nehmen Abschied von Walter Lübcke

Trauerfeier für erschossenen Regierungspräsidenten : 1300 Trauergäste nehmen Abschied von Walter Lübcke

Vor zehn Tagen war der Kasseler Regierungspräsident erschossen worden. Bei einem Trauergottesdienst am Donnerstag nahmen die Menschen Abschied von Walter Lübcke. Unterdessen geht die Suche nach dem Täter weiter.

Es ist dieser eine Moment, in dem der Schrecken des Verbrechens für jeden in der Kasseler Martinskirche spürbar wird. „Lieber Papa, wir müssen heute nach deinem unfassbaren Tod von dir Abschied nehmen“, erklärt Christoph Lübcke nur wenige Meter entfernt vom Sarg seines Vaters Walter Lübcke. In diesem Moment steigen vielen Trauergästen die Tränen in die Augen. Mehr als 1300 sind gekommen, um von dem erschossenen nordhessischen Regierungspräsidenten Abschied zu nehmen. Sie sitzen in der Martinskirche oder verfolgen auf einer Leinwand draußen den Gottesdienst.

Es ist ein außergewöhnliches Gedenken. Denn es wird um einen Mann getrauert, dessen Tod weiter ungeklärt ist. Klar ist, Lübcke starb in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha im Kreis Kassel an einem Schuss in den Kopf. Wer abdrückte und warum, ist unklar.

Die Ungewissheit überschattet die Trauerfeier. „Zur Grausamkeit der Tat kommt die Ungewissheit: Wer war es, der diesem Leben kaltblütig und hinterrücks ein Ende setzte?“, fragt Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er wendet sich direkt an Lübckes Frau und Familie: Es sei kaum zu ermessen, was die Angehörigen hätten durchmachen müssen.

Denn zu den Spekulationen über die Tat seien Schmähungen und Hass aus dem Internet hinzugekommen. „Die Würde des Menschen, auch eines verstorbenen Menschen, muss unantastbar bleiben! Auch im Netz!“, erklärt Hein. Im Internet äußerten nach der Tat insbesondere mutmaßlich rechtsextreme Nutzer unverhohlen Freude über den gewaltsamen Tod des CDU-Politikers.

„Es ist ein trauriger, schmerzlicher und kaum fassbarer Anlass, der uns zusammenführt“, sagt Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Den Hass im Internet streift er nur in seiner Trauerrede. Man gedenke heute in erster Linie dem Menschen Walter Lübcke, sagt er: „Er war beliebt, aber nicht beliebig.“

Während der Trauerfeier liegt die hessische Landesflagge auf dem Sarg. Eine Ehrenwache der Polizei und Bundeswehr steht daneben. Sie erinnern daran, dass es um mehr geht als einen Behördenleiter, der Opfer eines Verbrechens wurde. Lübcke war ein überzeugter Demokrat mit klaren Werten. Er galt als bodenständiger Macher. In der Flüchtlingskrise beispielsweise war seine Behörde federführend bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Anfeindungen aus der rechte Ecke stellte er sich offen entgegen.

Getrauert wurde am Donnerstag deshalb landesweit. Die hessischen Regierungspräsidien und obere Landesbehörden hatten Trauerbeflaggung gehisst.

Keine Zeit für lange Trauer hatte die 50-köpfige Sonderkommission, die die Tat aufklären soll. „Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren - auch am Tag des Trauergottesdienstes“, sagte Christoph Schulte, Sprecher des Hessischen Landeskriminalamts (LKA). 213 Hinweise waren bis kurz vor der Trauerfeier eingegangen. Diese arbeite man weiter ab. Ob eine heiße Spur dabei ist oder ein Verdächtiger im Visier, verrieten die Behörden nicht.

Laut dem LKA sind die Ermittler dabei, die Abläufe vor, während und nach der Tat zu rekonstruieren. Alle Fakten und Spuren fließen ein. Wie lange diese Arbeit noch dauern werde, sei unklar. „Es wäre unseriös, das zu sagen“, erklärte der LKA-Sprecher.

Am Samstag soll Walter Lübcke im privaten Kreis beerdigt werden.

(felt/dpa)
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