Unser Land hat viele Bewunderer: Lob für die deutschen Tugenden

Unser Land hat viele Bewunderer : Lob für die deutschen Tugenden

Der Londoner Bürgermeister und ein Äthiopier mit Wahlheimat Deutschland stehen beispielhaft für die Bewunderer unseres Landes und die guten Eigenschaften, die man oft als typisch deutsch belächelt. Und seien wir mal ehrlich: Laissez-faire können wir einfach nicht.

"Hört auf zu arbeiten!" Wenn das verbreitete Klischee stimmt, dass wir Deutschen leben, um zu arbeiten, kann doch der in teutonischen Ohren beinahe frivol klingende Titel des soeben erschienenen Buches nicht von zwei deutschen Autoren stammen. Oder sind wir Deutschen dabei, unsere Haupttugenden und Lebensmaximen aufzugeben? Wollen wir wirklich leben wie die geliebten, belächelten Mittelmeer-Anrainer, die nach einem weiteren Klischee gerne Beine und Seele baumeln lassen und arbeiten, um zu leben, und dabei vergleichsweise beneidenswert glückliche Gesichter machen?

Laissez-faire ginge daneben

Seien wir ehrlich mit uns: Selbst wenn wir ernsthaft einen Großversuch in Laissez-faire und süßem Nichtstun unternähmen — er ginge daneben. Im Ausland weiß man das. Das Schöne ist, dass man es angesichts der sichtbaren Erfolge deutscher Tüchtigkeit auch — vielleicht hier und da mit einer Prise Neid versehen — zu würdigen weiß. Man mag es als Volk, das Selbstkritik mindestens so pflegt wie den Lack der eigenen Pkw, kaum glauben: Deutschland zählt nach einer Erkundung der berühmten BBC zu den beliebtesten Ländern der Erde.

Vertraut man dem herrlich exzentrischen Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der sich auf Skurrilitäten und aufs Beobachten und Schreiben versteht, ist Deutschland eine "großartige Nation", deren gelungene Wiedervereinigung vor 23 Jahren eine der "Erfolgs-Geschichten" der modernen Zeit darstellt. Zugegeben, da hüpft das Herz des fleißigen Deutschen, zumal, wenn ein Angehöriger des wohl stolzesten Volkes in Europa so etwas zu Papier bringt.

"It's all perfectly wunderbar"

Der Mann aus London beschreibt tief bewundernd, was er jüngst beim Deutschland- und Berlin-Besuch mit wachen Sinnen wahrgenommen hat: "Well, I think, it's all perfectly wunderbar." Nun gut, könnte man denken: Frankreichs Präsident Charles de Gaulle hat doch schon zu Beginn der 60er Jahre auf der Bonner Rathaustreppe von dem "großen deutschen Volk" gesprochen. Das wird auch Diplomatie in rosa eingefärbten Worten gewesen sein, gesprochen beim Werden der neuen deutsch-französischen Partnerschaft, die man gar Freundschaft nennt.

Doch de Gaulle, einem in historischen Perspektiven denkenden General, war stets bewusst, dass das alte Kulturvolk östlich von Frankreich zwei Jahrzehnte zuvor zwar moralisch so tief gesunken war, wie es tiefer nicht geht, dass aber die positiven Eigenschaften der Deutschen wie etwa Fleiß, Erfindergeist, Organisationstalent selbstverständlich das von Berlin aus durch Europa trampelnde Verbrecherregime überdauern würden.

Blühende Landschaften

So ist es dann ja auch geschehen. Boris Johnson bestätigt die zu Unrecht belächelte Voraussage des Bundeskanzlers der Einheit, Helmut Kohl, von den "blühenden Landschaften", die bald schon nach der Wiedervereinigung im sozialistisch heruntergewirtschafteten Osten zu erleben sein würden. Johnson bestätigt: Auch wenn das Aufblühen vielleicht ein paar Jahre länger gedauert hat, als es der euphorisch gestimmte Kohl eingeschätzt hatte, bleibt festzustellen: Die Deutschen haben mit ihren spezifischen Tugenden geschafft, was ihnen das Ausland, mehr noch als sie sich selbst, zugetraut hat: Dass nämlich nach einer berühmten Sentenz von Bundeskanzler a.D. Willy Brandt zusammenwächst, was zusammengehört; und dass das Land stark und fest im Zentrum Europas stehen werde. Seinen Nachbarn, sofern sie nicht böswillig sind, imponiert der Verbündete mit der Kraft zur Vernunft und zur Mäßigung — und zur Hilfsbereitschaft im Euroraum. Die Erfolge des Wirtschaftsriesen strahlen ab auf Nachbarvölker.

Der selbstsichere Brite Boris Johnson rät unumwunden dazu, Deutschland zu kopieren, statt zu versuchen, es als vermeintlich übermächtigen Koloss einzudämmen, einzuhegen. Der Londoner Bürgermeister zitiert seinen Großvater, der unter den aggressiven Deutschen gelitten habe und der Meinung gewesen war: "Whatever we do, we must stop the German reuniting" ("Was immer wir Briten tun, wir müssen Deutschlands Wiedervereinigung verhindern").

Ökonomische Macht

Margaret Thatcher, Britanniens kürzlich verstorbene große Premierministerin, mochte den Kanzler Kohl nicht, schon deshalb, weil er ein Deutscher war. Noch mehr widerstrebte der "Eisernen Lady" der 1989/90 heraufziehende Gedanke, aus zwei Deutschlands würde wieder eines werden. Wir wissen: Kohl, das fleischgewordene Bündel an typisch deutschen Tugenden, setzte sich durch — übrigens auch, weil die USA unter dem famosen Präsidenten George H.W. Bush (dem Vater des weniger famosen Obama-Vorgängers) sich in London und Paris für die Wiedervereinigung starkmachten.

Johnson bezeichnet Deutschland als wichtigste ökonomische Macht Europas, die auch noch — das ist neu — liebenswürdig und maßvoll sei, keinen Schrecken verbreite. Mehr noch, der Brite schildert fast liebevoll seine Eindrücke von Berlin und dessen Bewohnern, vom lebenswerten, kostengünstigen Dasein in der einst geteilten Hauptstadt. Wenn er 20 wäre, so Johnson, und sein London verlassen müsste, würde seine erste Wahl Berlin sein.

Asfa-Wossen Asserate, äthiopischer Prinz und britisch inspirierter deutscher Gentleman, lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Auf dessen Sprachklaviatur beherrscht er die Tasten mit sicherer Hand. Sein im Beck-Verlag erschienenes Buch "Deutsche Tugenden" ist ein wohlwollender Streifzug durchs Gelände deutscher Eigenarten: Fleiß kommt darin vor, auch Ordnungsliebe, Pflichtgefühl, Pünktlichkeit oder das besonders im Schwäbischen siedelnde Paar Erfindergeist und Sparsamkeit. Den Bucheinband ziert ein Goethe, hingestreckt auf einem deutschen Dackel. Geist und Humor in einem Bild über Deutschland. Wie schön.

(RP)
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