Lindner mit soliden 86,6 Prozent als FDP-Chef bestätigt

FDP-Parteitag in Berlin : Von Lindner zu Linda

Bei ihrem Parteitag in Berlin suchen die Liberalen nach frischen Impulsen – und werden bei ihrer neuen Generalsekretärin fündig. Linda Teuteberg wird mit dem besten Ergebnis des Tages in ihr neues Amt gewählt.

Fünfeinhalb Jahre ist Christian Lindner nun Vorsitzender der FDP. Er ist derjenige, der die Liberalen nach ihrem Rauswurf aus dem Bundestag aufgefangen und nach einem vierjährigen Nonstop-Kraftakt mit einem zweistelligen Ergebnis ins Parlament zurückgeführt, aber auch den sofortigen Wiedereinzug in eine Bundesregierung verhindert hat. Die erste Wiederwahl nach diesen Ereignissen fiel mit 86,6 Prozent am Freitag ordentlich aus. Nach 79 beim ersten, 92 beim zweiten und 91 Prozent bei der dritten Wahl ist er in der normalen Größenordnung der FDP angekommen.

Wenn seine neue Amtszeit 2021 zu Ende geht, wird er bereits länger FDP-Vorsitzender gewesen sein als zehn seiner Vorgänger. Schon jetzt besteht die Hälfte der 63.000 Mitglieder aus Liberalen, die es unter seinem Vorsitz in die Partei gezogen hat. Bürgerliche Parteien genießen in der Regel Anziehungskraft bei denen, die Verantwortung übernehmen, in der Regierung gestalten wollen. Doch außer in NRW, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz ist die FDP nirgendwo in der Regierung. Die große grüne Konkurrenz regiert in neun Ländern. Spricht das dafür, dass die FDP in Deutschland auch weniger gebraucht wird?

In der Nachkriegsgeschichte erfüllte die FDP über viereinhalb Jahrzehnte die Funktion des Regierungskorrektivs, mal bremste sie die Union, mal die SPD aus, verhalf ihnen aber auch abwechselnd zur Macht. Das bekam ihr zweimal schlecht, als sie mangels Zutrauens in sich selbst bei den Wahlen damit warb, hinter dem besseren Unionskanzler zu stehen. Als Lob empfand Lindner in seiner 97-minütigen Rede die Analyse, er habe aus einem politischen Start-Up einen funktionierenden Mittelständler gemacht.

Die FDP Lindners versucht vor allem, für Originalität zu stehen. Dazu gehört, mit dem Parteitagsmotto Diskussionen auszulösen. Dieses Mal waren es riesige chinesische Schriftzeichen, die für „Wirtschaftspolitik“ stehen sollen. Lindner verdoppelte den Gag, indem er den ersten Satz seiner Rede in Chinesisch vom Blatt las. Die daraufhin ins Deutsche übersetzte Weisheit, mit der Zeit zu gehen, wenn sich Gesellschaft und Wirtschaft ändern, war nebensächlich. Hauptsächlich ging es ihm um die chinesische Strategie, globaler Hegemonist zu werden. Seine Warnungen wurden höflich beklatscht.

Und so war es bei den anderen Passagen, in denen er sich eher zurückhaltend mit den anderen Parteien auseinandersetzte. Lindner gefällt offenbar eine Partei, die sich weniger durch Distanzierung von anderen als vielmehr durch eigene Angebote auszeichnet. Ganz wie der funktionierende Mittelständler. Dem dient auch seine Entscheidung, Linda Teuteberg als neue Generalsekretärin ins Schaufenster zu stellen. So wie sie als migrationspolitische Sprecherin die FDP in der Mitte zwischen Willkommenskultur und Ressentiments positioniert habe, wünsche er sich die Mitte-FDP auf vielen weiteren Politikfeldern. Vor allem als Sachwalter einer funktionierenden Wirtschaft als Grundlage für alle staatlichen Ziele.

Das ist bisweilen jedoch schwierig zu vermitteln. Und zuweilen kommt Lindner bei der Zuspitzung schroff herüber. Wie etwa bei der Antwort auf die Schülerproteste, Klimapolitik solle man besser den „Profis“ überlassen. Das ihm unterstellte Fehlen von Empathie versuchte er in seiner Rede anderen Parteien nachzuweisen.

Es wird die größte Herausforderung für Lindner und sein Team sein, für die Alternative zum „Autoritarismus“ griffige Bilder und nachvollziehbare Beschreibungen zu finden. Da entwickelt sich neben Lindner ein neues Talent. „Wir sind nicht die größte Partei, aber ganz bestimmt die optimistischste“, stellte Linda Teuteberg vor ihrer Kandidatur heraus. Ihre Rede war von großem Beifall begleitet, als sie ihre Vorstellung von politischen Inhalten entwickelte, für die die FDP auf Dauer gebraucht werden will - Freiheit, Recht und offene Gesellschaft als Orientierungspunkte.  „Ja, ich bin eine Frau und ich komme aus dem Osten“, sagte die 38-jährige Brandenburgerin. Mit dem Zusatz: „Und das ist auch gut so.“ Auf eine neue Zeit mit dieser Generalsekretärin haben die Liberalen große Lust. Während ihre Vorgängerin Nicola Beer bei der Kandidatur für den Vizevorsitz nur 58,5 Prozent erhielt (als EU-Spitzenkandidatin!), konnte sich Teuteberg als neue Generalsekretärin über größten Rückhalt und ein 92,8-Prozent-Ergebnis freuen.

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