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FDP-Mitglieder wechseln Partei: Liberale fühlen sich bei den Piraten wohl

FDP-Mitglieder wechseln Partei : Liberale fühlen sich bei den Piraten wohl

Die FDP hat zuletzt nicht nur dramatisch Wähler verloren, sondern auch Mitglieder. Die Zahl derer, die sich per Parteibuch zu den Liberalen bekennen, sank im Jahr 2011 um 7,5 Prozent - so stark wie sei 15 Jahren nicht mehr. Doch wo fühlen sich frustrierte Liberale wieder wohl? Bei den Piraten zum Beispiel.

Die Piraten begeistern immer wieder einstige Sympathisanten und Mitglieder der FDP für sich. Bis Mitte 2011 legte sich etwa Lukas Pollmann bei der FDP noch richtig ins Zeug. Der 18-Jährige aus Kempten im Allgäu gründete die "Liberalen Schüler Bayern", war Delegierter auf einem Bundeskongress der Jungen Liberalen und Mitglied im Bezirksvorstand JuLis Schwaben. Im Sommer aber schickte er sein Parteibuch zurück - und wechselte zu den Piraten. Die FDP ging damit eine Nachwuchskraft verloren.

Netzpolitik war nicht zu machen

"Als ich mich 2009 entschieden habe, in die FDP einzutreten, da hat mich vor allem das Engagement der Liberalen für die Bürgerrechte interessiert", sagte Pollmann. "Die haben sich das ja groß auf ihre Fahnen geschrieben." Doch schon als er Transparenz und die Netzpolitik diskutieren wollte, "ging nichts mehr". Die Themen seien vor Ort nicht gewünscht und viele Mitglieder dafür zu alt gewesen.

Wie viele einstige FDP-Mitglieder jetzt bei den Piraten sind, ist unklar, denn die Parteizentrale erfasst das nicht. Doch Pollmann ist kein Einzelfall. Wer sich in den frei zugänglichen Profilen der Piraten umsieht und sich auf die privaten Internetseiten mit Blog-Einträgen weiterklickt, stößt auf weitere Liberale, die Piraten sind.

"Gierig handelnde Egomaschinen"

Der Mannheimer Speditionskaufmann Christian Grimm war 2010 noch zum Vorsitzenden des Bezirksverbandes Rheinhessen-Vorderpfalz der FDP gewählt worden. Doch 2011 habe er "nach langem Abwägen meine neue politische Heimat in der Piratenpartei gefunden", notiert er.
Mit seiner liberalen Haltung komme er bei den Piraten "sehr gut" klar.

In seinem Blog lässt er jedoch erahnen, warum er als Liberaler nun Pirat ist. Piraten wollten keine "gierig handelnde Egomaschinen" schaffen, sondern ein Umfeld, "das dem Menschen die Möglichkeit zu einer kreativen Entfaltung und einer konstruktiven Zusammenarbeit jenseits von Konkurrenzdenken und Leistungsdruck gibt".

Hochdienen war keine Alternative

Der wohl prominenteste liberale Kopf der Piraten hat hingegen gar nicht erst den Umweg über die FDP zu den Piraten genommen: Der Finanzanalyst und Unternehmer Matthias Schrade ist gleich bei den Piraten eingetreten. Heute arbeitet er im Bundesvorstand vor allem an dem wirtschaftspolitischen Konzept der noch jungen Partei. Er kann damit von Beginn an seine liberale Haltung mit einbringen.

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Dem "Handelsblatt" hatte Schrade im Oktober 2011 gesagt, er habe "immer wieder mit dem Gedanken gespielt, in die FDP einzutreten". Er habe das dann aber gelassen, weil er keine Lust darauf gehabt habe, sich erst jahrelang hochzudienen und schließlich "irgendwelchen Seilschaften unterzuordnen, um dann etwas bewegen zu können".

Kooperation mit Piraten unerwünscht

Rückblickend hätte sich auch der Abiturient Pollmann gerne gleich für die Piraten entschieden. Als er noch im Allgäu für die FDP gebrannt habe, sei ihm ein Wechsel indes gar nicht in den Sinn gekommen. "Als die Piraten aufkamen, passierte endlich etwas", sagt er zwar. Er habe dann auch die ersten Stammtische der Piraten vor Ort besucht - aber nur, um eine Zusammenarbeit anzuberaumen.

"Ich habe anfangs gar nicht darüber nachgedacht zu wechseln", blickt Pollmann zurück. Er habe "vielmehr einen Weg gesucht, bei der FDP doch noch über Netzpolitik reden zu können". Doch rasch sei ihm bedeutet worden, dass eine örtliche Kooperation mit der neuen politischen Kraft nicht gewünscht sei: "Sogar bei den Jungen Liberalen hieß es dann nur: Schweigt die Piraten tot!"

Angriff auf die FDP im Stadtrat

Weil das aber nicht die Art sei, wie er Politik betreiben wolle, habe er im Juli 2011 seine FDP-Mitgliedschaft beendet. Von dem politischen Engagement auch dieses Liberalen profitiert nun die Piratenpartei. "Ich habe endlich das Gefühl, politisch etwas schnell umsetzen zu können", sagt Pollmann.

Nach den nächsten Wahlen will Pollmann für die Piraten im Kemptner Stadtrat sitzen. Drei Plätze belegt dort bisher seine einstige politische Heimat: die FDP. Berufspolitiker möchte er aber lieber nicht werden. "Da verändert man sich nur zu sehr."

(APD)