Lehrermangel: 3300 Lehrer auf dem zweiten Bildungsweg

Anstellungen im Jahr 2017: 3300 Lehrer in Deutschland als Quereinsteiger

Rund 2000 Stellen sind derzeit an den Schulen unbesetzt. Seiteneinsteiger schwächen vielerorts den Lehrermangel in Deutschland ab. Verbände fürchten aber einen Qualitätsverlust.

Inklusion, Ganztag, Flüchtlingszuzug, Pensionierungswelle - Gründe für den bundesweiten Lehrermangel nennen die Länder viele. Aktuell sind rund 2000 Stellen an den Schulen unbesetzt. Das hat eine Umfrage unserer Redaktion bei den Schulministerien ergeben. Dass es nicht noch mehr sind, liegt vielerorts an den so genannten Quer- und Seiteneinsteigern.

Das sind Personen, die zwar ein Studium oder eine Berufsausbildung abgeschlossen, aber nicht auf Lehramt studiert haben. Der Umfrage zufolge wurden allein 2017 mindestens 3300 von ihnen an den Schulen angestellt. Weil nicht alle Länder diese Zahlen erheben, waren es aber wohl noch mehr. Das wird von Lehrerverband und Gewerkschaft heftig kritisiert.

NRW bei unbesetzten Stellen Spitzenreiter

"Die Zahl der nicht besetzten Stellen klingt erst einmal nicht so dramatisch. Wenn man aber die Seiteneinsteiger dazurechnet, die ja nur eingestellt werden, weil es viel zu wenige voll ausgebildete Lehrer gibt, ist der Mangel sehr viel größer", sagt Ulf Rödde von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In manchen Bundesländern sei die Zahl der neueingestellten Seiteneinsteiger zudem ähnlich hoch wie die der neu eingestellten Lehrer.

Ein Beispiel dafür ist Sachsen: Dort wurden im August zwar alle 1400 ausgeschriebenen Stellen besetzt, 720 davon jedoch mit Seiteneinsteigern. In Berlin sind unter den 3000 im Jahr 2017 neu eingestellten Lehrern rund 1200 Seiteneinsteiger. Das bedeute eine zusätzliche Belastung für die vorhandenen Lehrkräfte, die die Kollegen nachschulen müssten, so Rödde.

Bei den unbesetzten Stellen ist NRW Spitzenreiter: 1006 Lehrerstellen waren zuletzt noch nicht besetzt. Nach dem Bevölkerungsanteil wäre zu erwarten gewesen, dass auf das Land nur ein Fünftel der unbesetzten Stellen entfällt. Auf Platz zwei steht der Umfrage zufolge Baden-Württemberg, wo 455 Stellen nicht besetzt sind und in Niedersachsen konnten für 155 Stellen keine Lehrer gefunden werden.

"Viele werden nicht ausreichend pädagogisch geschult"

Insgesamt sei der Lehrermangel zudem noch größer, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes: "Wenn man zum Beispiel noch dazurechnet, was an Unterricht ausfällt und dass an zahlreichen Schulen auch fachfremd unterrichtet wird, gehen wir insgesamt von einem Mangel von 20.000 Lehrern aus", sagt er. Durch den Einsatz von Seiteneinsteigern fürchtet er einen Qualitätsverlust in der Lehre. "Viele Seiteneinsteiger fangen häufig direkt mit der Arbeit an und werden nicht ausreichend pädagogisch geschult." Die Länder betonen, dass jeder Quer- und Seiteneinsteiger gut ausgebildet wird.

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Dazu hat fast jedes Land ein anderes System entwickelt - und andere Bezeichnungen eingeführt: So heißen die Kräfte mal Quer-, mal Seiten- und mal Direkteinsteiger. Was sie eint, ist, dass sie keine Lehrbefähigung haben, also kein pädagogisches Studium, sondern ein Fachstudium oder eine Berufsausbildung absolviert haben.

In NRW haben Seiteneinsteiger drei Möglichkeiten: Hochschulabsolventen, die zwei Fächer studiert haben, absolvieren ein zweijähriges Referendariat und legen eine Staatsprüfung ab. Kandidaten mit FH-Abschluss durchlaufen ein Programm an einer Berufsschule. Und Seiteneinsteiger, die nur ein Fach studiert haben, erhalten eine einjährige Zusatzausbildung, legen aber keine Staatsprüfung ab und bekommen am Ende keine volle Lehrbefähigung.

Einstellungsgarantie bei bestimmten Fächern

2017 hat Nordrhein-Westfalen bis Schuljahresbeginn rund 543 Seiteneinsteiger eingestellt. Die meisten von ihnen (183) arbeiten an Berufskollegs, dicht gefolgt von Seiteneinsteigern an Grundschulen (153). Dort ist auch der Lehrermangel - wie in den meisten anderen Ländern - am größten: Es waren zuletzt noch 871 Stellen unbesetzt.

Grundsätzlich sei es das Ziel der Landesregierung, freie Lehrerstellen mit ausgebildeten Lehrern zu besetzen, sagt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). "Aber besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Seiteneinsteiger helfen den Schulen dabei, die aktuelle Lehrerlücke zu schließen und Unterrichtsausfall zu vermeiden", sagt sie.

Meidinger schlägt indes andere Sofortmaßnahmen gegen den Lehrermangel vor: Er will lieber pensionierte Beamte in den Schuldienst zurückbeordern. Das geschieht etwa in Baden-Württemberg. Außerdem sollen zum Beispiel Gymnasiallehrer - von ihnen gibt es besonders viele - vermehrt für das Grundschulamt umgeschult werden. In NRW bekommen Gymnasial- und Gesamtschullehrer mit einer bestimmten Fächerkombination eine Einstellungsgarantie, wenn sie zwei Jahre lang an die Grundschule gehen.

Um dem Mangel langfristig vorzubeugen, fordert die GEW außerdem, dass mehr Studienplätze eingerichtet werden. Ebenso müsse die Kultusministerkonferenz genauere Prognosen zum Lehrerbedarf liefern - auch um einen Schweinezyklus zu vermeiden: Immer, wenn ein Mangel herrscht, beginnen viele ein Lehramtsstudium. Wenn sie dann fertig sind, herrscht ein Überangebot. Am besten wäre es deshalb, fordern die Experten, wenn die Länder gleichbleibend viele Lehrer einstellten.

(lai)