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Ministerin Aigner im Interview: "Lebensmittel wieder schätzen lernen"

Ministerin Aigner im Interview : "Lebensmittel wieder schätzen lernen"

Bundesverbraucherschutzminister Ilse Aigner spricht im Interview mit unserer Redaktion über den Kampf gegen die falsche Deutung des Mindeshaltbarkeitsdatums, die Werbung für den Spaß am Kochen und die verschärfte Überwachung von Nahrungsmitteln.

Weihnachten sind wieder Lebensmittel im Überfluss auf den Tisch gekommen. Wie wollen Sie das ändern?

Aigner Wir können uns diese Verschwendung nicht leisten — aus moralischen und ethischen Gründen, aber auch unter dem Aspekt des Umwelt- und Klimaschutzes. Leider wissen wir bislang nicht genau, wie viele Lebensmittel wirklich weggeworfen werden. Deshalb habe ich eine Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse im Frühjahr 2012 vorliegen werden. Dann wollen wir auch einen Kongress veranstalten, um gemeinsam mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen Strategien gegen das Wegwerfen zu entwickeln. Dass wir wieder eine wirkliche Wertschätzung für Lebensmittel und die Leistungen unserer Landwirtschaft entwickeln — das ist mir ein großes Anliegen.

Als Ministerin können Sie doch nur appellieren.

Aigner Ich setze vor allem auf Aufklärung. Das Ministerium bereitet beispielsweise gerade eine Aktion zur Information über das Mindesthaltbarkeitsdatum vor. Leider gibt es beim MHD immer noch Missverständnisse: Lebensmittel müssen ja nicht automatisch weggeworfen werden, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Die meisten Waren können Tage nach Ablauf noch bedenkenlos verzehrt werden. Kurz: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Wegwerfdatum!

Die EU will die Lebensmittelabfälle bis 2020 halbieren. Ist das auch Ihr Ziel?

Aigner Ich halte das Ziel der EU für durchaus realistisch. Aber man kann sich nur dann seriös ein Ziel setzen, wenn man die Ausgangslage kennt. Deshalb werden wir erst einmal die Größenordnung ermitteln, wie viel, von wem und warum in Deutschland überhaupt weggeworfen wird.

Planen Sie dazu auch eine gesetzliche Regelung?

Aigner Das Wegwerfen per Gesetz zu verbieten, wäre genauso abwegig wie die Vorstellung, die Biotonnen der Bürger von einer Müllpolizei überprüfen zu lassen. Nein — Vorrang hat für mich die Information der Verbraucher. Wir betreiben als Ministerium Aufklärung, damit weniger Lebensmittel in der Tonne landen. Auch die Schulen sind gefragt, denn den Umgang mit Lebensmitteln lernt man von Kindesbeinen an. Ich sehe aber auch den Handel in der Verantwortung.

Die Lebensmittelindustrie hat vor allem das Interesse, dass möglichst viel eingekauft wird. Besonders viele Verlockungen hält die Lebensmittelindustrie für Kinder bereit: Bärchen-Wurst, Schlumpfeis oder Kekse in Tierform. Ist da der Verbraucherschutz ausreichend?

Aigner Da rate ich zu Augenmaß. Kinder sollen ebenso wie Erwachsene solche Produkte genießen —aber eben bewusst und in Maßen. Es ist nicht Aufgabe des Gesetzgebers, eine ausgewogene Ernährung zu verordnen — es ist Aufgabe der Eltern, darauf zu achten, dass sich ihre Kinder gesund ernähren und ausreichend bewegen. Tatsache ist, dass stark verarbeitete Lebensmittel immer mehr nachgefragt werden. Viele Menschen sind leider nicht mehr bereit, sich selbst in die Küche zu stellen. Ich werbe besonders an Schulen dafür, wieder mehr zu kochen — und ich sehe, wie begeistert die Kinder sind.

Wie kann man falschen Versprechungen beikommen?

Aigner Das Recht ist eindeutig: Irreführung und Täuschung der Verbraucher sind verboten. Werden Lebensmittel mit nährwert- oder gesundheitsbezogenen Aussagen beworben, müssen diese Aussagen in Zukunft wissenschaftlich nachweisbar sein. Nährwertbezogene Aussagen müssen durch die Angabe des Energiegehalts und der wichtigsten Nährstoffe begleitet werden, damit sich die Verbraucher selbst ein Bild machen können, etwa über die Gehalte an Zucker, Fett oder Salz.

Was wird sich für den Verbraucher konkret ändern?

Aigner Die Angabe einer Nährwerttabelle, die bislang freiwillig ist, wird künftig bei vorverpackten Lebensmitteln zur Pflicht. Um den Dschungel der gesundheitsbezogenen Angaben auf Lebensmitteln zu durchforsten, werden diese Angaben systematisch von der EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde überprüft. Es sind dann grundsätzlich nur noch solche Aussagen erlaubt, die dieser wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten haben. Es zeigt sich, dass für etwa 80 Prozent dieser Werbeaussagen kein wissenschaftlicher Nachweis über die behauptete Wirkung erbracht werden konnte. Eine Liste mit den zulässigen gesundheitsbezogenen Werbeaussagen hat im Dezember eine entscheidende Hürde in Brüssel genommen und wird voraussichtlich 2012 in Kraft treten.

Was hat sich nach den Lebensmittelskandalen der vergangenen Jahre geändert?

Aigner Wir haben in Deutschland im internationalen Vergleich mit die sichersten und hochwertigsten Lebensmittel — deshalb finden unsere deutschen Produkte auch im Ausland so guten Absatz. Dennoch lässt sich nicht ausschließen, dass es trotz intensiver Kontrollmaßnahmen und strenger Hygienevorschriften zu Vorfällen wie Anfang 2011 kommt. Das Entscheidende ist, dass Bund und Länder die Risiken so weit wie möglich minimieren. Und dass im Ernstfall schnell reagiert wird und Lebensmittel zurückgeholt werden, damit kein Verbraucher zu Schaden kommt.

Braucht der Bund bei der Lebensmittelkontrolle mehr Entscheidungskompetenzen?

Aigner Die Vernetzung zwischen Bund und Ländern hat sich deutlich verbessert, auch die Transparenz für die Verbraucher. Nur ein Beispiel: Auf der Internetseite lebensmittelwarnung.de finden die Bürger seit Oktober gebündelt alle Produkte, vor denen öffentlich gewarnt wird. Als Konsequenz aus Dioxin und EHEC werden Bund und Länder 2012 grundlegend diskutieren, wie wir noch effektiver in Krisensituationen zusammenarbeiten können.

Wie wird Ihr Aufklärungs-Internetportal lebensmittelklarheit.de angenommen?

Aigner Das Portal der Verbraucherzentrale ist sehr erfolgreich. Mit dieser Internetseite ist es gelungen, ganz gezielt die Information der Bürger zu verbessern und eine breite Debatte anzustoßen über bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln. Derzeit sind 125 Produkte, die von Verbrauchern gemeldet wurden, online gestellt. 32 dieser Produkte — also rund ein Viertel— wurden bereits durch die Hersteller geändert. Diese Firmen haben die Zeichen der Zeit erkannt: Es geht nur mit den Verbrauchern — nie gegen die Verbraucher!

Hier geht es zur Bilderstrecke: Szenenbilder aus "Taste the Waste"

(RP/das/rai)