Kritik an der Leistungsgesellschaft in Deutschland - wir sollten unsere Einstellung ändern

Begriff 109 Mal im Koalitionsvertrag: Leistung muss sich endlich lohnen

Der Begriff der Leistung ist einer der wichtigsten unserer Zeit. Im aktuellen Koalitionsvertrag kommt er auf 179 Seiten 109 Mal vor. Umso dringlicher ist, dass wir unsere Einstellung zur Leistungsgesellschaft ändern.

Mal ganz naiv gefragt: Warum applaudieren wir eigentlich nicht, wenn eine Altenpflegerin aus ihrem Twingo steigt? Warum gehen wir nicht zu ihr hin, klopfen ihr auf die Schulter und machen ein Selfie? Und weiter gefragt: Warum würden viele von uns genau das machen, wenn sie einen Fußball-Star aus seinem Lamborghini klettern sehen oder einen TV-Promi aus seinem Porsche? Wer nun sagt, diese Fragen zu stellen, bedeute, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, hat Recht. Anderseits wachsen am Baum der Erkenntnis viele Früchte. Diese Vergleiche erfüllen ihren Zweck: Sie versinnbildlichen, dass mit unserem Verständnis von Leistung etwas nicht stimmt.

Leistung ist ein zentraler Begriff unserer Gegenwart. Das hat auch die Politik erkannt. Im aktuellen Koalitionsvertrag kommt "Leistung" auf 179 Seiten 109 Mal vor. Manchmal für sich stehend, oft als Kompositum. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, so viel steht fest, und für manchen ist das erschöpfend. Leistungsgesellschaft bedeutet: schneller, höher, weiter. Leistungsgesellschaft bedeutet: jetzt noch nöcher. Leistungsgesellschaft bedeutet: 4711 war ja ganz schön, aber wann gibt es endlich 4812?

Nicht, dass Missverständnisse aufkommen: Das hier ist keine Generalkritik. Leistungsgesellschaft bedeutet schließlich auch, dass wir dem Anspruch nach eben nicht in einer ständisch verfassten Gesellschaft leben, wo nur derjenige einflussreich sein soll, dessen Eltern bereits einflussreich waren. Insofern birgt diese Selbstbeschreibungsformel ein Gerechtigkeitsversprechen: Leistung lohnt sich. Zumindest theoretisch, denn einige Studien legen den Schluss nahe, dass Status herkunftsabhängig sein kann und Eliten oft unter sich bleiben.

Die Historikerin Nina Verheyen hat dem Glauben an die Leistung ein Buch gewidmet: "Die Erfindung der Leistung" (Hanser Verlag). Und sie weiß, dass das Wort einst anders benutzt wurde als heutzutage. Positiver. Nicht als Angstbegriff. "Leistung war zum Beispiel Gegenstand sozialer Verpflichtungen", sagt sie. Es sei um das Leisten eines Dienstes gegangen, darum, Gebote zu befolgen, Hilfe und Gesellschaft zu leisten. Es galt: Je höher die Leistung, desto stärker der Zusammenhalt.

Verändert hat sich die Wahrnehmung von Leistung erst im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Industrialisierung. Der menschliche Körper wurde im "Brockhaus" plötzlich mit einem Motor verglichen. Der Mensch war nun nicht mehr die Einheit von Leib und Seele, sondern eine Konstruktion. Eine Maschine. Annahmen der Physik wurden auf Lebewesen übertragen: Leistung gleich Arbeit pro Zeit. Das Ergebnis war, dass Leistung fortan gemessen und bewertet wurde. Passenderweise wurden damals folgende Ereignisse erfunden: die olympischen Spiele der Neuzeit (1896), die Nobelpreise (1901), die Tour de France (1903). Der Mensch definierte sich über den globalen Leistungswettbewerb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich die Entwicklung. Leistung wurde immer stärker an Erfolg gekoppelt. Das beginnt bei den Schulnoten und endet in Unternehmen, die darauf achten, wie viele Abschlüsse ein Mitarbeiter erreicht. Der ökonomische Gewinn wurde zum zentralen Indikator für Leistung. Seither verwechseln wir Profit mit Leistung. Wir glauben, dass Leistung objektiv messbar ist. Wir hierarchisieren und domestizieren Menschen über die Bewertung ihrer Leistung. Und wir bringen den genuin sozialen Begriff der Leistung in ziemlich üble Gesellschaft. Er hat neuerdings viel Kontakt mit Effizienz, Produktivität, Rationalisierung und Performance.

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Der Wert einer Leistung hängt bei uns allzu stark von demjenigen ab, der sie bewertet. Die Menschen nehmen sich so stärker als Konkurrenten wahr und versuchen, einander zu überbieten. Sogar in ihrer Freizeit. Das ist nicht gut. Es macht unzufrieden und krank.

Auch das machen die Forschungen von Nina Verheyen klar: Die vermeintliche Leistung des Einzelnen ist stets Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung. Goldmedaille und Absatzrekord sind Teamleistungen. Der Erfolg hat häufig nur ein Gesicht, das des Athleten oder des Vorstandsvorsitzenden. Und darüber vergessen wir das Heer der Helfer und Zuarbeiter im Hintergrund. Das ist ungerecht, denn Leistung ist auch eine Ordnungskategorie des Sozialen: Wer etwas leistet, bewirkt etwas, und wer etwas bewirkt, soll etwas zurückbekommen.

Womit wir bei der Ausgangsfrage wären: Warum schätzen wir eine der wichtigsten Leistungen, auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist, so gering? Warum applaudieren wir Altenpflegerinnen nicht? Oder Flüchtlingshelfern? Die Beispielkette ließe sich verlängern. Vielleicht ist einer von vielen Gründen, dass Pflegearbeit schwierig zu qualifizieren ist. Es tritt ja keine Verbesserung der Gesundheit ein. Außerdem denken wir: Pflegen kann jeder. Dabei stimmt das eben nicht. Es gibt keinen Maßstab für die Zufriedenheit eines alten Menschen in den Wochen vor seinem Tod. Etwas pathetisch überhöht: Wir wissen nicht um den Wert des Lächelns, das das Gesicht eines Bettlägerigen aufhellt. Wir begreifen nicht den Unterschied zwischen Wischen und Streicheln.

Die Leistungsgesellschaft bedeutet Stress. Wir könnten diesen Effekt mildern, indem wir individuelle Anstrengungen wertschätzen lernen und Leistung als Sinnstiftung im sozialen Kontext begreifen. Irgendwann muss man sich entscheiden, in welcher Welt man leben will. Deshalb sollte Leistung mit Anerkennung belohnt werden. Mit Zuspruch. Und angemessenem Gehalt. Wer etwas ändern will, muss den Glauben an Leistung keineswegs aus der Welt schaffen, er kann ihn auch neu füllen. Im Grunde müssen wir die Leistung neu erfinden, neue Maßstäbe schaffen.

Derzeit ist Leistung etwas, das uns trennt. Dabei sollte sie uns verbinden.

Hier geht es zur Infostrecke: Erste Hilfe bei Stress

(hols)