Krankenpflege-Azubi Alexander Jorde hat Lust auf einen Kaffee mit Merkel

Buch von Alexander Jorde: TV-bekannter Krankenpfleger hat Lust auf Kaffee mit Merkel

Über Nacht wurde er zum bekanntesten Krankenpflege-Azubi der Republik: Alexander Jorde brachte die Kanzlerin in einer Wahlarena in Bedrängnis. Nun hat er ein Buch geschrieben – und macht weiter Druck.

Karl Lauterbach (55), das gesundheitspolitische Gewissen der SPD, ist eigentlich nie um eine flotte Formulierung verlegen. Aber jetzt gibt er nur die Vorgruppe für den eigentlichen Star: „Flott und frisch“ sei das, was sein Nachbar auf dem Podium da vorgelegt habe. Ein „Super-Buch“. Und: „Genau das, was wir brauchen.“ Der Autor ist Alexander Jorde (22). Er hat sich im September 2017 in die erste Aufmerksamkeitsliga der Medien und sozialen Netzwerke katapultiert. Millionen erinnern sich, wie er in einer Wahlarena Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Bilanz ihrer zwölfjährigen Regierungszeit auf dem Feld der Pflege konfrontierte und immer wieder nachbohrte. Der Krankenpflege-Azubi hatte einen veritablen Treffer gelandet.

Anderthalb Jahre später nähert er sich dem Ende seiner Ausbildung. Vielleicht ist es auch die Annäherung an den Anfang einer politischen Karriere. Er ist inzwischen Genosse geworden und lässt Lauterbach gleich wissen, dass er die Koalition mit der Union ohne Bürgerversicherung abgelehnt hätte. Zum Zeitpunkt der Abstimmung war er allerdings noch nicht SPD-Mitglied. Er spricht davon, dass sich seine Partei in der Frage der Bürgerversicherung habe „abkanzeln“ lassen. Das bringt Lauterbach hoch. Er habe sich „noch nie in der Politik abkanzeln lassen“. Und auch die Vermutung von Jorde, die Politik schaue immer nur auf das, was die Bürger gerade interessiere, korrigiert der erfahrene Parteifreund: „Wir haben das schon seit 20 Jahren auf dem Schirm.“

Aber es passiert seit 20 Jahren viel zu wenig. Deshalb versucht Lauterbach, den Schilderungen von Jorde über den Alltag und vor allem über die Perspektiven der Pflege in Deutschland noch eins drauf zu setzen. Was Jorde schreibe, sei dramatisch, sagt Lauterbach, und fügt hinzu, dass es in Wirklichkeit noch dramatischer sei. Schon jetzt müsste Deutschland die Zahl der Pflegekräfte verdoppeln, um das Niveau der Pflege in Norwegen, Schweden oder in den Niederlanden zu erreichen. Bald werde jedoch jeder Schulabschlussjahrgang nur noch halb so groß sein wie jeder Renteneintrittsjahrgang. Es werde dann in allen Berufen zu wenig Arbeitskräfte geben, auch in der Pflege. Und dann kämen die Babyboomer-Jahrgänge in das Alter, in dem sie krank und pflegebedürftig würden, während deren Eltern auch noch gepflegt werden müssten. Lauterbachs Zusammenfassung: „Wir werden einen Riesenmangel haben.“

Die Lösungsvorschläge von Jorde unterstützt er. Zum Beispiel, dass sich Pfleger besser organisieren. In Finnland habe die Drohung mit dem Einstellen der Arbeit gewirkt, um Forderungen durchzusetzen. In Deutschland gäbe es auch andere Möglichkeiten, wenn die Pfleger nicht mehr nur zu zehn, sondern zu 50 Prozent gewerkschaftlich organisiert seien. Und auch einer akademischen Ausbildung für den hochkomplexen Pflegeberuf kann Lauterbach viel abgewinnen - mit dem zusätzlichen Effekt, diesen Sektor des Gesundheitssystems attraktiver zu machen.

Der Gesundheitspolitiker Lauterbach räumt ein, selbst an „Geburtsfehlern“ beteiligt gewesen zu sein. So zum Beispiel, die Fallpauschalen auch für die Pflege eingeführt zu haben. Das habe zu Verschiebungen zu Gunsten der Pfleger und zu Lasten der Ärzte geführt und werde gerade korrigiert. Vor allem, so Lauterbach, liege das von Jorde beschriebene Problem an „drei Dingen: Geld, Geld, Geld.“ Da müssten inmitten harter Verteilungskämpfe Milliarden neu organisiert werden.

Jorde beschreibt als eigentliche Motivation hinter dem Ende des Monats erscheinenden 211-Seiten-Buch („Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand. Klett-Cotta, 17 Euro), dass er zwar sehr viele Interviews habe geben können, um auf die Misere aufmerksam zu machen, dass er dabei aber „nur an der Oberfläche geschrabbt“ habe. Nun liefert er all das nach, was er an tieferen Zusammenhängen vermitteln möchte. Dabei räumt er auch mit typischen Klischees über seinen Beruf auf, etwa dass Pflegekräfte immer wieder nur schwach und Opfer seien.

Als er am 11. September 2017 Merkel regelrecht vorführte, antwortete die Kanzlerin unter anderem mit dem Hinweis: „Ich hoffe, dass wenn wir uns in zwei Jahren wiedersehen würden, dass es dann etwas besser ist.“ Zwar widersprach Jorde sofort mit der Erwartung, dass das nicht funktionieren könne. Doch die Frage bleibt, ob in einigen Monaten, wenn die zwei Jahre um sind, die Kanzlerin ein Wiedersehen wünscht. Bislang ist bei Jorde keine Einladung eingegangen. Aber wenn sie denn käme, dann wäre Jorde natürlich bereit, und zwar „gerne, auf einen Kaffee oder eine schöne Suppe“ im Kanzleramt vorbeizuschauen.