Kommentar zur Weiterbildungsstragie: Überfällig, wohlfeil und richtig

Kommentar zur Weiterbildungsstrategie : Auch die Arbeitgeber sind in der Verantwortung

Die „Nationale Weiterbildungsstrategie“ von Bundesregierung und Sozialpartnern ist selbst ohne den Druck der Digitalisierung ein guter Schritt. Aber auch die Arbeitgeber müssen in die Verantwortung genommen werden, um ihr Personal ausreichend fortzubilden.

Die Digitalisierung der Arbeit trifft fast jeden der 43 Millionen Erwerbstätigen. Über eine Million Jobs werden im Zuge der digitalen Revolution verloren gehen, aber über zwei Millionen neu entstehen – das schätzt jedenfalls die Bundesregierung.

Wenn nun die Bundesregierung mit den Sozialpartnern eine Vereinbarung über eine „Nationale Weiterbildungsstrategie“ trifft, klingt das hochtrabend und wohlfeil. Zunächst steht diese längst überfällige Strategie auch nur auf dem Papier. Die Regierung muss ihren Worten Taten folgen lassen.

Viele kleinere und mittlere Unternehmen sind überfordert damit, ihre Mitarbeiter so zu schulen, dass sie die Chancen der Digitalisierung voll ausschöpfen können. Fortbildungen kosten Zeit und Geld. Die Mehrheit der Arbeitnehmer hilft sich daher selbst – durch Learning-by-Doing auch in der Freizeit.

Setzt die wackelige große Koalition ihre Pläne tatsächlich um, käme Deutschland einen guten Schritt voran bei der Fachkräftesicherung. Auch ohne Digitalisierung ist es richtig, denen, die keinen Berufsabschluss haben, die Chance zur Nachqualifizierung zu geben, wie es jetzt geplant ist. Auch die Erhöhung des Aufstiegs-Bafögs für alle diejenigen, die sich zum Meister, Fach- oder Betriebswirt weiterbilden lassen, ist ein Schritt, der auch ohne Digitalisierung sinnvoll wäre. Richtig ist auch, dass die Regierung die unübersichtliche Vielfalt an Weiterbildungsangeboten auf einer einheitlichen Internet-Plattform bündeln will.

Einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung wird es allerdings nicht geben. Die Sozialpartner und die Großkoalitionäre konnten sich lediglich auf einen Anspruch für eine Weiterbildungsberatung durch die Arbeitsämter einigen. Einen echten Rechtsanspruch auf Weiterbildung lehnten die Arbeitgeber und die Union ab: Er würde die Unternehmen schlicht zu viel kosten.

Der Staat in Gestalt der Bundesagentur für Arbeit wäre de facto nicht in der Lage, anstelle der Arbeitgeber einzuspringen und ein solches umfassendes Weiterbildungsversprechen an alle praktisch umzusetzen. Die Arbeitgeber wollen sich zudem zu Recht die in ihren Händen liegende Kompetenz des Weiterbildungsgeschäfts nicht nehmen lassen. Sie wissen am Ende auch besser als der Staat, was am Markt benötigt wird.

Die Arbeitgeber müssen diese große Verantwortung aber auch ernst nehmen: Mehr Unternehmen als bisher müssen ihren Mitarbeitern aktiv Fortbildungsangebote machen, und sie sollten die Weiterbildungswünsche ihrer Mitarbeiter nicht weiter aus Kosten- und Zeitgründen abbügeln. Dass bisher nur ein bis zwei Prozent aller Arbeitnehmer den Bildungsurlaub wahrnehmen, der ihnen seit Jahrzehnten schon gesetzlich zusteht, spricht Bände.

Mehr von RP ONLINE