Kommentar zum Youtube-Video: Rezo will die „Zerstörung der CDU“ - so könnte die Demokratie kaputtgehen

Kommentar zum Youtube-Video : Rezo will die „Zerstörung der CDU“ - so könnte die Demokratie kaputtgehen

Der Youtuber Rezo macht Furore mit einem Wut-Video, in dem er der CDU die Zerstörung wünscht, weil sie die Welt zerstöre. Wenn der Wunsch nach Zerstörung Schule macht, wird die Demokratie kaputtgehen, denkt unsere Autorin.

Weil es so schön einfach ist, nehmt erst einmal das, Ihr Youtuber und jungen Leute: Hey junge Generation, Ihr echt krassen Billigflieger, Ihr verwöhnten und verzogenen Erben, hört auf mit dem ganzen Halbwahrheiten-Shit! Wie gefällt Euch das, Ihr weich gebetteten, bequemen Social-Media-Nutzer und verdaddelten Pseudo-Politikinteressierten? Ungerecht? Stimmt so nicht? Macht nichts. Hauptsache, was raushauen. Man wird das doch mal sagen dürfen. Zum Teufel mit der politischen Korrektheit einer Michelle Obama, die mit dem einfachen Satz „When they go low, we go high“ dafür wirbt, anständig zu bleiben, auch wenn sich die anderen nicht benehmen können. Jetzt bloß nicht empfindlich werden.

Klare Ansagen werden geklickt, so wie das 55 Minuten und acht Sekunden lange Video eines Youtubers über die von ihm gewünschte Zerstörung der CDU, weil sie die Welt zerstöre. Viele Millionen Mal wurde das Stück innerhalb weniger Tage abgerufen, vermutlich hauptsächlich von jungen Menschen. Politiker nicht nur der CDU fragen sich nun aufgescheucht, hilflos und vielleicht auch neidisch, warum ein junger Mann diese Reichweite hat. Rezo nennt er sich und beruft sich für seine Kritik auf „Zigtausende“ deutsche Wissenschaftler. Die Christlich Demokratische Union sei an allem Schuld. An Kriegen, an der Schere zwischen Arm und Reich, an der Flüchtlingskrise und vor allem am Klimawandel.

Der quirlige Typ sitzt an einem Schreibtisch, Gitarren im Hintergrund, er hat ein Käppi auf dem Kopf, darunter ein blauer Pony, er trägt einen orangefarbenen Kapuzenpulli. Die Farbe der CDU. Das häufigste Wort ist wohl „fucking“: „fucking Bundestag“, „fucking Bundesregierung“, „fucking EU-Politik“, „fucking Zukunft“. CDU-Politiker „lügen“ und es fehle ihnen an „grundsätzlichen Kompetenzen für ihren Job“. Dabei rudert er mit den Armen und verzieht das Gesicht, wenn sein eigener Faktencheck belegen soll, wie unfähig die CDU sei. Derweil kann man aus dem Fenster auf ein reiches Land schauen, in dem ziemlich viel ziemlich gut funktioniert, vor allem die Demokratie. Noch jedenfalls.

Der Mann ist ein echtes Redetalent, er schneidet bissig, komödiantisch, unterhaltsam, kritisch und kurzweilig die dramatischsten Probleme der Menschheit an. Kriege, Rüstungsexporte, Klimawandel, Umweltzerstörung, Artensterben, Flüchtlingsbewegung. Er hätte das vor ein paar Wochen auch noch nicht gedacht, wie krass das sei, aber jetzt habe er recherchiert.

Und hier kommt das große Fragezeichen. Seit Wochen, Monaten, Jahren werden diese Themen in den Medien breit gespiegelt, nahezu alle Parteien greifen sie auf. Die Kritik an der Umweltpolitik der regierenden Union war eigentlich schon immer groß. Auch sie hat dazu geführt, dass der Atomausstieg vorgezogen wurde. Und jetzt wird der Kohleausstieg vorbereitet. Aber nun, plötzlich, so als habe niemand vorher davon gewusst, macht das Video mit solchen Themen Furore. Warum? Weil es cool rüberkommt? Weil ein junger Mann zur Zerstörung einer Volkspartei aufruft? Weil er Großes sehr gelassen ausspricht, etwa so: Deutschland müsse so schnell wie möglich mit der Kohleenergie und „so nem shit aufhören“. Allein es fehlt der kleine Hinweis, was die Konsequenzen sind, und der Aufruf, dass dann alle umdenken müssen. Auch jene jungen Leute, die gern mal schnell durch die Welt jetten, weil es wenig kostet – beziehungsweise, weil sie das Geld dazu haben, was sie nicht unbedingt vorher selbst verdienten, sondern es von ihren Eltern oder Großeltern bekommen.

Die CDU verbreitete am Donnerstag eine „offene Antwort an Rezo“. Die Partei der Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer und der Kanzlerin Angela Merkel bemüht sich darin, dass Politik nicht „zum Spektakel“ wird. Sie erklärt Rezo das Wesen einer Volkspartei, die sich um viele Mitgliedern und Werte zu kümmern hat, mit dem Ziel, Kompromisse für gangbare, akzeptable Lösungen zu finden. Und nicht schnelle, scheinbar einfache Antworten zu liefern und auch „nicht mit dem Ziel, andere zu zerstören“. Die Währung von Youtubern seien Klickraten. Die Währung einer Volkspartei wie der CDU sei Vertrauen, steht da geschrieben. Aber gerade das kann durch ein solches Video bei jungen Menschen weiter erschüttert werden.

Nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp wird das Video noch keine massive Auswirkung auf das Verhalten jüngerer Wähler am bevorstehenden Wahlsonntag haben. Aber: „Die CDU läuft mittelfristig Gefahr, die jungen Menschen zu verlieren“, sagt die Professorin des Berliner Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft. Die CDU habe laut Umfragen nur noch einen Anteil von 12,7 Prozent unter denjenigen, die jünger als 18 Jahre alt sind. „Bei der Europawahl 2014 hatte sie noch mehr als 24 Prozent unter den unter 18-Jährigen. „Deshalb hat sie einen Grund, nervös zu sein. Sie kann das nicht einfach laufen lassen.“

Tut sie auch nicht. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak hat Rezo, der findet, dass „die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört“ zum Gespräch eingeladen.  When they go low, we go high. Kropp mahnt: „Wir müssen aufpassen, dass unsere demokratische Institutionen nicht weiter delegitimiert werden, politische Prozesse brauchen Zeit und Ausgleich. Wir haben ein Recht darauf, unsere Meinung zu äußern, aber kein Recht darauf, dass jede unserer individuellen Forderungen vollständig umgesetzt wird. Dies ist ein Lernprozess, den alle, auch zu Recht ungeduldige jüngere Menschen in einer Demokratie durchlaufen.“ Es gebe keine monokausale Schuld einer einzigen Partei. Wenn der Klimawandel jetzt nicht gestoppt werde, sagt Rezo, „dann ist die Welt am Arsch“. Wer daran schuld sei? „Wir zu 100 Prozent.“ Richtig Rezo. Wir. Nicht „die“. Wir sind es. Wir alle.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir diesen Beitrag als „Analyse“ gekennzeichnet. Es handelt sich aber um ein Meinungsstück. Das haben wir geändert. Vielen Dank für die Hinweise, die uns dazu erreicht haben.

(kd)
Mehr von RP ONLINE