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Kommentar zum Urteil des Verfassungsgerichts: Sterbehilfe darf nicht selbstverständlich werden

Kommentar zum Urteil des Verfassungsgerichts : Sterbehilfe darf nicht selbstverständlich werden

Das Bundesverfassungsgericht hat die strikte Regelung zur Sterbehilfe gekippt. Das Urteil ist nachvollziehbar. Doch was daraus folgt, könnte den Umgang mit Leben und Tod in eine Schieflage bringen. Eine Lehre ist, dass sich nicht alles gesetzlich regeln lässt.

Die Folgen des Verfassungsgerichtsurteils, wonach das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt wurde, sind weitreichend. Nun können Sterbehilfeorganisationen, die mit dem Angebot zur Hilfe bei der Selbsttötung systematisch den Weg in den Tod eröffnen, ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Das Urteil ist nachvollziehbar, weil das bisherige Gesetz die Schwäche hatte, dass für Ärzte, die starke schmerzlindernde und damit lebensverkürzende Arzneien verschrieben haben, Rechtsunsicherheit herrschte. Nun bedarf es dringend einer neuen gesetzlichen Regelung, die verhindert, dass Beihilfe zum Suizid zur Selbstverständlichkeit wird. Der Gesetzgeber steht vor der schwierigen Aufgabe, dem Verfassungsgerichtsurteil gerecht zu werden, wonach im Ausnahmefall der Einzelne sein Leben selbstbestimmt beenden kann. Zugleich aber muss einem gesellschaftlichen Trend vorgebeugt werden, wonach Sterbehilfe bei Schwerkranken und Hochaltrigen zur Normalität wird. Dass sich eine solche Gewohnheit einschleichen kann, zeigen die Niederlande, wo aktive Sterbehilfe seit 2001 erlaubt ist und die Zahlen seitdem drastisch gestiegen sind.

Ohne klare Regelung, dass die Hilfe zur Selbsttötung nur in Ausnahmefällen angewendet werden darf, droht sich das Wertesystem zu Leben und Tod zu verkehren. Bei der Sterbehilfe kann es nur darum gehen, todgeweihte Menschen vor einem qualvollen Sterben zu bewahren beziehungsweise sie mit Medikamenten so zu begleiten, dass sie keine Schmerzen erleiden müssen. Es kann aber nicht darum gehen, Menschen grundsätzlich vom Leid schwerer Krankheiten zu befreien. Selbsttötung darf nicht zu einer von verschiedenen Möglichkeiten der Therapie werden.

Insbesondere in einer alternden Gesellschaft, in der künftig mehr hochbetagte Menschen mit gleich mehreren Krankheiten leben werden, muss man besonders sensibel darüber wachen, dass sich die Grenzen in der Beurteilung des Werts des Lebens nicht verschieben.

Eine wichtige Lehre aus dem Urteil ist, dass sich zwischen Leben und Tod nicht alles haarklein regeln lässt. Über das Gesetz, das am Mittwoch vom Verfassungsgericht gekippt wurde, hatten die Parlamentarier wochenlang gewissenhaft beraten. Am Ende erwies es sich als nicht praxistauglich. Bei einer neuen Regelung sollte man den Sterbehilfe-Organisationen weiterhin das Handwerk verbieten. Ärzte, die ihre Patienten lange kennen, brauchen aber mehr Spielraum, deren Wille auszuloten und zu respektieren.

(qua)