Kommentar zum Tag der Arbeit: Die Arbeit der Zukunft muss anders verteilt werden.

Kommentar zum Tag der Arbeit : Ein Plädoyer für die 30-Stunden-Woche

Jeder vierte Beschäftigte in Deutschland arbeitet schon heute in einem Job, den in Kürze ein Roboter weitgehend übernehmen könnte. Daraus folgt: Arbeit muss in Zukunft anders verteilt werden.

Der Roboter heißt „Atlas“ – und sein Salto war ein Quantensprung. Binnen weniger Jahre mutierte er von einer klobigen Maschine an einem Kabel zu einem frei beweglichen, menschenähnlichen Laufroboter. Die Entwicklung zeigt, wie schnell es derzeit vorangeht mit Robotern und deren Künstlicher Intelligenz (KI).

Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen damit verbunden sind, darüber gehen die Meinungen von Experten noch weit auseinander. Einig sind sich aber fast alle darin, dass KI den Arbeitsmarkt in ähnlichem Ausmaß revolutionieren wird wie einst die Industrialisierung. Dieser Umbruch eröffnet und erfordert einen ganz neuen Blick auf die Zukunft der Arbeit.

Jeder vierte Beschäftigte in Deutschland arbeitet in einem Beruf, den Roboter heute schon weitgehend überflüssig machen können, weil mindestens 70 Prozent der Tätigkeiten genauso gut von einer Maschine erledigt werden können. Zu diesem Ergebnis kam das renommierte Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Ende vergangenen Jahres. Bei der ersten Untersuchung im Jahr 2013 hatte das erst für jeden achten Beschäftigten in Deutschland gegolten.

Dabei gilt grundsätzlich: Je geringer die Qualifikation, desto höher ist das Risiko, ersetzt zu werden. Für Lager- und Logistikarbeiter stieg es binnen drei Jahren sogar um 20 Prozentpunkte. Doch KI ist inzwischen auch in der Lage, Tätigkeiten in höherqualifizierten Berufen zu übernehmen, etwa in der Unternehmensführung. So können Buchführung und Controlling längst per Software überwacht werden. Selbst die Auswahl geeigneter Bewerber für eine Position kann ein Computer übernehmen.

Zu Alarmismus besteht zwar kein Anlass: Ob eine Maschine einen Menschen tatsächlich ersetzt, hängt von einer Reihe weiterer Faktoren ab, etwa ethischen, gesetzlichen oder ökonomischen. Dass die Möglichkeit besteht, zeigt aber, wie dringlich es ist, neu und vorurteilsfrei über die Verteilung von Arbeit nachzudenken.

Ein vielversprechender Ansatz ist dabei die 30-Stunden-Woche. Sie könnte dazu beitragen, knapper werdende Arbeit auf mehr Köpfe zu verteilen. Dass die Produktivität dadurch nicht sinkt, sondern eher steigt, belegen Studien. Ohnehin vermag kaum jemand, acht Stunden konzentriert zu arbeiten. Und nicht selten steigt die Motivation und sinkt der Krankenstand, wenn nach Feierabend noch genug Zeit für den Ausgleich bleibt. Damit lässt sich bei Einführung der 30-Stunden-Woche auch ein voller Lohnausgleich rechtfertigen. Ohnehin sank zuletzt die Lohnquote der Unternehmen bei steigenden Gewinnen.

Damit aber die 30-Stunden-Woche nicht zu einer Arbeitsverdichtung führt, müssen zuvor Arbeitsabläufe neu strukturiert werden. Angesichts der vielen Veränderungsprozesse, die Unternehmen auch sonst aufsetzen, dürfte dies kein Problem sein.

Es gibt Unternehmen, die mit der 30-Stunden-Woche bereits gute Erfahrungen gemacht haben: Der Autokonzern Volvo in Göteborg etwa praktiziert das Modell bei vollem Lohnausgleich seit 2004 und verzeichnet steigende Umsätze. In Bielefeld führte die IT-Agentur „Rheingans Digital Enabler“ im Oktober 2017 sogar eine 25-Stunden-Woche ein – bei gleichbleibendem Gehalt und Urlaubsanspruch. Langatmige Meetings gehören seither der Vergangenheit an. Der Firmenchef entschied im Februar, am Fünf-Stunden-Tag festzuhalten.

Schon vor ein paar Jahren warb eine Initiative von Ökonomen, Politikern und Publizisten für die 30-Stunden-Woche. Die rund 100 Unterzeichner rechneten vor, dass ein Wechsel in Deutschland bei vollem Lohnausgleich binnen fünf Jahren möglich wäre. In dem Modell sehen sie einen weiteren entscheidenden Vorteil: Die kürzere Arbeitszeit führt zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf – ein weiteres wichtiges Argument zur Verkürzung der Arbeitszeit.

Die aktuelle Verteilung der Familienarbeitszeit in Deutschland zementiert die Ungleichheit der Geschlechter. Denn das typische Rollenmodell sieht so aus: hier der Hauptverdiener, meist der Mann, der von seinen Kindern zu wenig mitbekommt. Dort die Teilzeit arbeitende Mutter, die wegen der eingeschränkten Verfügbarkeit ihren Job ris­kiert, niedrige Renteneinkünfte in Kauf nimmt und den Großteil der unentgeltlichen Aufgaben in der Familie und im Haushalt erledigt. Paare, die das nicht hinnehmen wollen, landen schnell bei 40-Stunden-plus-Wochen für Vater wie Mutter. Ihre Kinder bekommen sie dann allerdings kaum noch zu sehen.

Würden Männer und Frauen hingegen jeweils 30 Stunden arbeiten, führte das zugleich zu größerer Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt: Muss der Arbeitgeber davon ausgehen, dass Männer und Frauen auch gleich viel arbeiten, wenn sie Eltern werden, fällt der Nachteil für die zumeist Teilzeit arbeitenden Frauen weg.

Genau das ist auch der Grund, weshalb individuelle Regelungen zur Arbeitszeitverkürzung nichts bringen. Es ist zwar richtig, dass es bereits einen Rechtsanspruch auf Teilzeit gibt und viele Tarifverträge individuelle Vereinbarungen für kürzere und flexiblere Arbeitszeiten zulassen. Allzu oft gereichen sie jenen, die diese Möglichkeiten in Anspruch nehmen, aber zum Nachteil.

Fazit: Wer die wegen der Digitalisierung knapper werdende Arbeit gerechter verteilen will und mehr Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern anstrebt, kommt an der 30-Stunden-Woche als Standard in Zukunft kaum vorbei. Übrigens: Vor rund 100 Jahren wurde unter großem Protest der Arbeitgeber die 40-Stunden-Woche eingeführt. Damals galt das als revolutionär.

Mehr von RP ONLINE