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Kommentar zu Pegida: Wir müssen lernen, miteinander zu leben

"Pegida"-Demonstrationen : Wir müssen lernen, miteinander zu leben

Am Montagabend ruft die "Pegida"-Bewegung erneut zu Demonstrationen auf – in Dresden und das erste Mal auch in Köln. Unsere Autorin Jasmin Buck sagt, sie habe keine Angst vor der Islamisierung des Abendlandes. Denn ihre Erfahrungen mit Muslimen sind durchweg positiv. Ein Kommentar.

Am Montagabend ruft die "Pegida"-Bewegung erneut zu Demonstrationen auf — in Dresden und das erste Mal auch in Köln. Unsere Autorin Jasmin Buck sagt, sie habe keine Angst vor der Islamisierung des Abendlandes. Denn ihre Erfahrungen mit Muslimen sind durchweg positiv. Ein Kommentar.

Ich weiß schon lange, dass ich lernen muss, andere Meinungen zu ertragen. Das gilt auch für "Pegida". Meine Erfahrungen mit Muslimen sind allerdings durchweg positiv.

Ich habe keine Angst vor der Islamisierung des Abendlandes. Ich habe keine Angst vor Ausländern. Ich habe keine Angst vor Muslimen. In meiner Grundschulklasse in der Ruhrgebietsstadt Recklinghausen waren alle Nationalitäten vertreten: Deutsche, Russen, Polen, Türken, Brasilianer, Rumänen, ein Niederländer, Bulgaren. Schon in der zweiten Klasse habe ich Mitschülern Nachhilfe-Unterricht gegeben, weil ich es wollte. Und weil mich die täglichen Erfolge erfreut haben, weil es sich gelohnt und ganz bestimmt nicht wehgetan hat.

Ich habe als Achtjährige im Türkischunterricht von Herr Ünaldi Vokalen gepaukt, habe mit Fatma und Ali das Zuckerfest gefeiert und sie im Gegenzug an Ostern zu meinen Eltern eingeladen. Mein Vater hat im Bergbau mit zahlreichen muslimischen Kollegen zusammengearbeitet. Wenn Ramadan war, wurden die Pausenzeiten so angepasst, dass die muslimischen Kollegen in der Spätschicht bei Sonnenuntergang zum "kleinen Fastenbrechen" im Pausenraum zusammen essen und trinken konnten. Viele der nichtmuslimischen Kollegen haben sich nicht beschwert, sondern gerne dazugesellt. Und heute?

Meine Nachbarin ist gläubige Muslimin. Sie trägt ein Kopftuch — und arbeitet bei der Diakonie. Sie war die erste auf der Straße, die mich und meinen Mann zum Teetrinken eingeladen hat, als wir vor wenigen Monaten umgezogen sind. All das sind Begegnungen aus meinem Leben. Erfahrungen, die ich gemacht habe und immer noch mache. Die mich geprägt haben und weiterhin prägen werden.

Und deshalb frage ich mich: Wie steht es um die Menschen, die heute Abend wieder durch Dresden ziehen? Vor Weihnachten waren rund 17.500 Menschen dem Aufruf der islamkritischen "Pegida"-Bewegung gefolgt — so viele wie nie zuvor. Ableger der Bewegung wollen auch in Köln auf die Straße gehen. Dort soll allerdings aus Protest gegen die "Pegida"-Anhänger die Außenbeleuchtung des Doms, das Wahrzeichen der Stadt, abgeschaltet werden — um den Demonstranten keine Kulisse zu geben. Welche Erfahrungen haben diese Demonstranten mit Muslimen gemacht? Also Menschen aus allen politischen Lagern und Schichten. Menschen, die offenbar ängstlich sind. Menschen, die merken: "Ich bin ja gar nicht allein mit meinen Gedanken."

Natürlich weiß ich — genau wie die "Pegida"-Anhänger auch — dass es Islamisten gibt. In NRW. In Deutschland. Auf der ganzen Welt. Wir alle wissen, dass Terroristen des "Islamischen Staates" andere Menschen quälen und töten. Das ist schrecklich. Dagegen muss etwas unternommen werden. Das kann keiner bestreiten. Und trotzdem gebe ich dem früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, Recht, wenn er sagt: "Wir können nicht das Abendland verteidigen, indem wir den Islam als Feind ausrufen."

Ich weiß schon lange, dass ich lernen muss, andere Meinungen zu ertragen. Und trotzdem appelliere ich an meine Mitmenschen: In einer globalisierten Welt, in der Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen auf engem Raum zusammenleben, müssen wir lernen, miteinander zu leben. Ich bin fest davon überzeugt, dass es mehr gibt, das uns verbindet, als das uns trennt. Um das zu verstehen, müssen wir mehr voneinander wissen. Mehr miteinander erleben. Mehr miteinander sprechen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Hier geht es zur Infostrecke: Fragen und Antworten zu "Pegida"

(jam)