Kommentar: Keine Gleichberechtigung durch Digitalisierung

Mehr Chancen für Männer : Keine Gleichberechtigung durch Digitalisierung

Die Digitalisierung wird Frauen nicht helfen, genauso viel Geld wie Männer zu verdienen. Viel mehr birgt sie das Risiko, die Benachteiligung von Frauen sogar noch zu verstärken.

Dass die Digitalisierung von Arbeitsprozessen Frauen helfen könnte, genauso viel Geld wie Männer zu verdienen oder genauso steile Karrieren hinzulegen, ist eine schöne Vorstellung, aber leider ein Märchen. Die Umstände sprechen sogar eher dafür, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: Die technologische Revolution vergrößert – zumindest vorerst – eher den Abstand zwischen Männern und Frauen bei Gehältern und Berufskarrieren.

Das liegt zunächst daran, dass Männer und Jungen immer noch technikaffiner sind als Frauen und Mädchen. Die Zahl der weiblichen Studentinnen in den MINT-Fächern, die beste Voraussetzungen liefern für eine Karriere im digitalen Zeitalter, ist erheblich geringer als die ihrer Kommilitonen. Frauen gründen auch seltener ein Unternehmen, und noch seltener ein Internet-Start-Up. Sie ziehen seltener ins Silicon Valley, um dort als Innovatorinnen reich zu werden.

Bekannt ist, dass Frauen häufiger in Dienstleistungsberufen arbeiten, etwa im sozialen Bereich, die durchschnittlich schlechter bezahlt werden als High-Tech-Berufe. Doch auch wenn sie den Sprung in die gut bezahlten Berufe schaffen, etwa als Ingenieurinnen oder Informatikerinnen, werden sie deutlich schlechter bezahlt als ihre Kollegen. Daten von Berufsforschern zeigen sogar, dass die Gehaltslücke in den hochqualifizierten Berufen, die stärker digitalisiert sind, viel größer ist als die Lücke in den weniger digitalisierten Branchen. Die Digitalisierung hat an der Benachteiligung der Frauen also gar nichts geändert, beziehungsweise diese möglicherweise sogar verstärkt.

Eine These lautet, die Digitalisierung befördere flexiblere Arbeitszeiten, weil Arbeitnehmer im Prinzip rund um die Uhr und egal, wo sie sind, arbeiten können. Dies helfe insbesondere Frauen, Beruf und Familie besser zusammen zu bringen, so die Hoffnung. Erste Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Frauen und Mütter insgesamt ihre Arbeitszeit nicht ausweiten und daher in der Regel auch nicht mehr verdienen durch flexiblere Arbeitszeiten: Sie können schlicht unter den Umständen, in denen sie leben, ihre Arbeitszeit nicht ausweiten. Männer dagegen nutzen diese Möglichkeit.

Die Angleichung der Gehälter und Berufschancen hat mithin mehr mit der Organisation und Aufteilung der Familienarbeit in einer Paargemeinschaft zu tun als mit der Digitalisierung. Und mit den Vorlieben, Interessen und den Selbsteinschätzungen von Frauen, die eine durchschnittliche Berufslaufbahn mit mäßigen Gehaltszuwächsen einer allzu stressigen Karriere mit starken Gehaltssprüngen oft vorziehen.

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