Warum wir uns das "Nie wieder" nicht verbieten lassen dürfen

Gedenken an den Nationalsozialismus : Der Wert des „Nie wieder“

Unser NS-Gedenken ist ritualisiert. Bei den Veranstaltungen zum Jahrestag der Pogromnacht von 1938 ist das wieder deutlich geworden. Ihre Berech­tigung hat diese Erinnerung dennoch – als Zeichen und als Versicherung.

Über den 30. Jahrestag des Mauerfalls ist ein anderer Erinnerungstag dieses Jahr etwas in den Hintergrund getreten: die Pogromnacht von 1938, die zufällig auf denselben Tag fällt, den 9. November. Dass 2019 die Freude über den Mauerfall im Vordergrund stand, ist der Mathematik geschuldet. Und das Gedenken an die Judenverfolgung fand ja trotzdem statt: Da wurden Reden gehalten, Stolpersteine poliert, man lud zu Andachten und Schweigemärschen, zu Lesungen und Ausstellungen. Das sind Zeichen des historischen Bewusstseins einer demokratischen Gesellschaft. Sie alle sind auf einen Nenner zu bringen: Wir wollen nicht vergessen, weil wir nicht vergessen dürfen, weil solches Unrecht nie wieder passieren darf. Eine Übung in solidarischer Bürgerlichkeit.

Und doch steht all das unter Rechtfertigungsdruck. Springer-Chef Mathias Döpfner etwa schrieb nach dem Anschlag in Halle, er wolle „nie wieder ,Nie wieder Antisemitismus’-Reden hören“. Und: „Nach Halle braucht es keine einzige Demonstration, Solidaritätskundgebung oder Lichterkette mehr im Land.“ Denn der Antisemitismus sei „längst da“.

Ja, er ist längst da, stimmt. Unser Gedenken ist ritualisiert, stimmt auch. Aber deswegen ist es nicht wertlos. Nicht als Zeichen und nicht als Versicherung, dass die Erinnerung lebendig ist. Natürlich ersetzt das Gedenken nicht vernünftige Politik. Aber deshalb denen, die es „gut meinen“ (so Döpfner – hören Sie auch den „Gutmenschen“ durch?), ihr „Nie wieder“ verbieten? Doch wohl nicht. Zwar steht in Deutschland nicht der Faschismus vor der Tür, aber der politische Anstand, auch in Sachen Geschichte, selbst in Sachen Nationalsozialismus, steht unter Beschuss wie seit Jahrzehnten nicht. Jedes Gedenken ist ein Widerspruch gegen diese neuen Verächter der Opfer. Ihre Verachtung darf nicht unwidersprochen bleiben. Nie wieder.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de