Warum Klimawandel die Menschen plötzlich bewegt

Kolumne: Gesellschaftskunde : Zeitdruck mobilisiert

Probleme können noch so brisant sein - was zählt ist ihre Dringlichkeit.

Nun hat die Macht des Langzeitthemas Klimawandel also viele altgediente Politiker bei der Europawahl überrascht. Plötzlich ist diese olle Umweltfrage kein müdes Dauerthema mehr. Plötzlich hat sie Aktualität und Brisanz – und alle reiben sich verwundert die Augen.

Diese Wucht hat das Thema wohl gewonnen, weil mit einem Mal klar geworden ist, dass es auch bei Langzeitproblemen diesen einen Punkt ohne Umkehr gibt. Eine junge Generation hat begriffen, dass sie erleben wird, was lange als abstraktes Szenario abgetan, von manchen gar geleugnet wurde – wenn sich jetzt nicht etwas ganz entscheidend ändert. Diesen Satz hört man immer wieder. Bei Befragungen nach der Europawahl. Bei Diskussionen mit den Schülern von „Fridays for Future“. Immer wird die Zeit ins Feld geführt, das Jetzt und Hier. Das „Wir können nicht mehr länger warten“. Als sei ein Pfahl in die Zeit geschlagen worden.

Natürlich hat die Generation, die endlich Druck macht, damit völlig Recht. Und natürlich haben auch die Älteren ein Interesse, dass ihre Lebenswelt lebenswert bleibt. Aber die Erfahrung lehrt, dass der Mensch kaum dazu neigt, Vorsorge zu betreiben. Er erkennt Gefahren, doch solange sie seinen Alltag, seine Gewohnheiten und Bequemlichkeiten nicht berühren, mag er nichts unternehmen, das ihn einschränken könnte. Darum rauchen Menschen, obwohl ihnen klar ist, was das für Folgen für ihre Gesundeheit hat. Darum machen sie Kurztripps mit dem Flieger, essen Billigfleisch, kaufen Tropenfrüchte in Plastikpackungen.

Man kann über Greta Thunberg spotten, so viel man mag. Sie hat mit ihren Aktionen aus etwas Abstraktem etwas Gegenwärtiges gemacht. Sie hat den Klimawandel im Jetzt und Hier verankert. Nun beginnt die Zeit, der unbequemen Konsequenzen.

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