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Warum es gut ist, sich die Zeit einfach mal zu vertreiben

Kolumne „Gesellschaftskunde“ : Sinnvoller Zeitvertreib

Der Tag muss optimal genutzt werden – diese Einstellung teilen viele in der Gesellschaft. Doch, wer so denkt und ständig auf die Uhr schaut, verpasst etwas Wertvolles. Warum der Leerlauf manchmal guttut.

Manche lösen Kreuzworträtsel oder lassen Drohnen fliegen oder malen Mandalas. Die ganz Erfahrenen legen ein aus der Mode gekommenes Kartenspiel, zu dem es kein anderes Talent braucht, als der Name verkündet: Patience.

Solche Tätigkeiten sind nicht in erster Linie auf das Ergebnis gerichtet, sondern auf das Tun selbst. Sie dienen dem Zeitvertreib. Genauer: Sie vertreiben das Gefühl für die Zeit. Sie bekämpfen die Langeweile, füllen den Leerlauf oder schenken den Rast­losen etwas, das sie die Uhr vergessen macht.

Natürlich passt allein das Wort „Zeitvertreib“ kaum noch in die Effizienz versessene Gegenwart. Denn heute fehlt es ja vielen gerade an Zeit. Leute stehen unter Leistungsdruck, haben das Gefühl, an dem, was sie eigentlich gern tun würden, vorbeizuleben. Warum sollten sie sich das bisschen Zeit, das bleibt, vertreiben? Den meisten geht es eher um das Gegenteil: Zeit optimal zu nutzen, am besten mehrere Dinge gleichzeitig tun, damit alle Vorhaben in den viel zu kurzen Tag passen.

Doch wer so lebt, hört immer die Uhr ticken. Und je mehr man in seine Tage packt, desto bedrängter fühlt man sich. Wer die eigene Zeit vermehren will, verliert die Fähigkeit, sich wenigstens phasenweise unbedrängt, also wie zeitlos, zu fühlen. Einem Zeitvertreib nachzugehen, ist das Gegenteil. Man vertreibt die Zeit aus den Gedanken, gibt sich etwas hin, das keinen Zweck verfolgt, und löst sich darin auf.

Das ist etwas anderes als Muße oder Entschleunigung, es ist Hingabe, die pure Freude am Tun, die Einwilligung, sich absorbieren zu lassen. Wer sich einen Zeitvertreib gönnt, erteilt allem Leistungsdruck, allen Nützlichkeitserwägungen selbstbewusst eine Absage. Die Ferien sind eine gute Zeit, das einmal zu versuchen.

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