Verheiratet mit dem Smartphone: Wie Algorithmen unser Leben bestimmen

Kolumne „Total digital“ : Verheiratet mit dem Smartphone

Algorithmen bestimmen oft über unser Leben. Das kann unheimlich sein.

Mein Telefon hat mir eine automatisierte Nachricht geschickt. Das macht es häufiger in letzter Zeit. Diesmal war es eine Statistik, wie oft ich vergangene Woche zu meinem Handy gegriffen habe. Alle 38 Minuten im Schnitt. Meistens, weil ich eine Nachricht bekommen habe. Von meinem Smartphone.

Neuerdings schickt mir mein Smartphone Bildergalerien, durch einen Algorithmus ausgewählt und neu zusammengestellt aus meinem eigenen Fotoarchiv: „In Feierlaune“, so der Titel der letzten Galerie. Eine Reihe unvorteilhafter Selfies, mit denen man viel Geld von mir erpressen könnte. Zum Glück weiß mein Telefon noch nicht, wie man Lösegeld fordert. Das kommt bestimmt mit dem nächsten Systemupdate.

Nichts gegen Maschinen, die mitdenken. Doch langsam wird mir die Sache unheimlich. Gestern stellte mich die Bedienung beim Mittagessen vor die Wahl, ob ich zum Schnitzel gerne Pommes oder einen Beilagensalat hätte. Ich habe mich dann für den Salat entschieden, meinem kalorienzählenden Telefon zuliebe. Oder neulich, nach dem Joggen, erschien auf dem Bildschirm: „Bravo, Richard! Bleib dran!“ Dann bekam ich zur Belohnung eine Medaille verliehen — wie ein Hund, der gerade ein Kunststück gemacht hat.

Es ist, als wäre ich mit meinem Handy verheiratet. Willst du dein dir anvertrautes Smartphone lieben und achten? In guten wie in bösen Tagen, bis dass das Nachfolgemodell auf den Markt kommt? Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es früher einmal war. War ich ohne Smartphone glücklicher? Unwahrscheinlich. Immerhin liegt meine Lebenszufriedenheit heute bei 74 Prozent, mit durchschnittlich zwei Glücksmomenten pro Woche – sagt mein Smartphone.

Richard Gutjahr ist Moderator für das Bayerische Fernsehen und Blogger. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor:
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