Trotz der Quengelei: Am liebsten hätten wir, dass alles so bleibt

Veränderung oder nicht? : Rühren im Betulichkeits-Quark

Trotz aller Quengeleien über „die Politiker“ soll alles bleiben, wie es ist.

Nachdem der Berliner Politikwissenschaftler Georg Milde von seiner 90-tägigen Inspektionsreise zu den Brennpunkten der Welt in die Heimat zurückgekehrt war, zog er unter anderem dieses Fazit: „Es herrscht zu viel Angst in der Welt.“ Das klingt zumindest blauäugig. Angst ist zwar, wie eine Wendung lautet, „ein schlechter Ratgeber“, aber für weite Teile der Menschheit doch ein sehr realer Lebensbegleiter. Dagegen erscheinen die in Deutschland gern gepflegten „Ängste“ eher als ein Mix aus Hysterie und Empörungslust, der für Wohlstandsinseln typisch ist. „Das Beste kommt noch“ – das bleibt für viele zwischen Kampen und Kempten ein bloßer Filmtitel. Die Überzeugung von einer besseren Zukunft kleidet man, dem Kalender gehorchend, in gute Wünsche zum neuen Jahr; allein, es fehlt der Glaube daran, dass das mehr bedeutet als das Formulieren „frommer“ Wünsche.

Auf Wohlstandsinseln wie Deutschland lautet trotz Quengeleien über dies und jenes, vor allem „die Politiker“, die Meinung: Hoffentlich bleibt alles, wie es ist. In einer Melange aus Bewunderung und Verstörtheit schauen wir auf die Renitenz französischer Gelbwesten und denken vielleicht: Die holen sich, was ihnen zusteht.

Diejenigen Deutschen, die sich die Mühe machten, der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten zu folgen, sanken womöglich anschließend in dem wohligen Gefühl in die Kissen, dass, wenn wir uns alle nur wohlerzogener, dialogfähiger aufführten, alles gut werde. Schauen wir mal, ob die Kanzlerin in ihrer Silvester-Rede ähnlich versiert im Betulichkeits-Quark rühren wird. Sollte sie eine Ruck-Rede halten, kann es nicht Angela Merkel sein. Die Bundesrepublik wird im Mai 70. Sie tritt ins achte Lebensjahrzehnt. Klingt das nicht so, als wenn jemand von sich sagt, er habe noch Resturlaub?

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