Kolumne "Total Digital": Wenn der Gürtelclip schrill piept

Kolumne "Total Digital" : Wenn der Gürtelclip schrill piept

Heutzutage gibt es digitale Armbänder, die messen, wie viel man sich am Tag bewegt. Wenn das Buddha gewusst hätte.

Vor zwei Jahren startete Leslie Ziegler in San Francisco ein interessantes Experiment. Die Digital-Expertin leidet an einer chronischen Darmentzündung. Sie wollte herausfinden, was ihr guttut und was ihr schadet. Deshalb maß sie mit Hilfe von digitalen Armbändern und Ansteckern ein ganzes Jahr lang alles, was man zählen und messen kann: Kalorien, Körpertemperatur, Kilometer, Cholesterin und noch viel mehr. Sie schlief mit ihrem iPhone unter dem Kopfkissen, um ihren Schlaf zu überwachen, schluckte sogar Pillen, die auf ihrem Weg durch den Verdauungstrakt Signale an einen Monitor sendeten. Nach einem Jahr wusste sie wie sie ihren Alltag ändern musste, damit der Darm Ruhe gibt.

So weit muss man es ja nicht gleich treiben, vor allem, wenn man sich gesund fühlt. Aber gegen kleine digitale Belohnungen und Ermahnungen habe ich gar nichts einzuwenden. Ich trage ein so genanntes Fuelband von Nike - ein digitales Armband, das misst, wie viel ich mich am Tag bewege. Ein kleines Männchen auf der dazugehörigen App macht Freudensprünge, wenn ich einen Meilenstein der Fitness erreicht habe. Mahnende rote Balken weisen auf Tage hin, die ich fast nur am Schreibtisch verbracht habe. Ich überlege schon, ob ich mir einen "UpRight"-Anstecker kaufen werde - eine Art USB-Stick, den man an den Gürtel klipst. Bei schlechter Sitzhaltung gibt es jedes Mal einen nervigen Warnton, versprechen die Erfinder des Gadgets. Das soll gegen Rückenschmerzen vorbeugen.

"UpRight" ("aufrecht") wird man erst im kommenden Frühjahr kaufen können. Die Macher sammelten aber über die Crowdfunding-Plattform "Indiegogo" schon ein Jahr vorher mehr als 150 000 Dollar ein. Mehr als 1700 Fans dieses Projekts bestellten teilweise bis zu 25 Gürtelclips vorab zum Preis von je 80 Dollar (64 Euro), damit das Gerät auf den Markt kommen kann. Im Handel soll "UpRight" später fast doppelt so teuer sein. Das weist schon darauf hin, dass "wearable tech" (digitale Messtechnik am Körper) derzeit ein heißer Trend ist. Mit der üblichen Verspätung von einigen Jahren wird er sich dann wohl auch hierzulande durchsetzen. Deutsche sind nun mal skeptischer als US-Amerikaner, wenn es darum geht, digitale Daten freizugeben. Letztlich siegt im Alltag dann aber doch oft die Bequemlichkeit über die Skepsis.

Der digitale Gesundheits-Gadget-Markt wird aber nicht nur aus Gürtelclips und Bewegungsmessern bestehen. Einen großen Schwung wird auch Apples angekündigte Watch bringen, die stark auf Fitness- und Gesundheitsapps setzen wird. Und Googles digitale Datenbrille Glass.

Ich frage mich allerdings, wie Buddha damals ohne digitale Gadgets tagelang perfekt aufrecht sitzen konnte. Andererseits: Buddha hatte einen ziemlichen Bauch. Ob er mit einem Fuelband schlank geblieben wäre?

Die Autorin ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de - Sie ist auch auf Twitter unter @UlrikeLanger und in ihrem persönlichen Blog erreichbar.

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(RP)
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