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Kolumne Total Digital: Der große Bluff der Digitalkonzerne

Kolumne Total Digital : Der große Bluff der Digitalkonzerne

Mit einem ganzen Strauß von psychologischen Tricks versuchen Digitalkonzerne, unser Verhalten zu beeinflussen - nicht immer zu unserem Besten.

Als Kind habe ich sehr lange am Daumen genuckelt. Also nicht mehr so lange, dass es Fotos von mir mit Schultüte und Daumen im Mund geben würde, aber doch die ersten Jahre meiner frühen Kindheit.

Irgendwann hat meine Mutter ein psychologisch ausgeklügeltes Anreizsystem entwickelt: Sie stellte ein großes Glas auf, in das an jedem Tag, an dem ich auf den Daumen verzichtete, ein buntes Wattebäuschchen als Belohnung wanderte.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich damals an diesen Dingern so toll fand; auch nicht, was ich mit ihnen wollte, ob ich dachte, ich könnte später mal mit meinem Watte-Glas vor Freunden angeben oder den Mädchen imponieren. Aber Mamas Trick hat funktioniert, das Daumenlutschen war vorbei.

Rund 30 Jahre später wird mein Verhalten noch immer psychologisch beeinflusst, nur diesmal nicht von meiner Mutter, sondern einem ganzen Schwarm von Digitalkonzernen, die mir vorschreiben wollen, was das Beste für mich ist. Mithilfe ihrer Datenanalysen verstehen sie es, unser Verhalten einzuschätzen - oder sogar zu lenken.

Meine Sport-App ist wie meine Mutter: Jedes Mal, wenn ich etwas tue, bekomme ich dafür am Ende eine Belohnung. Und es funktioniert, zumindest temporär.

Reiseportale wie Booking.com sind deutlich weniger subtil: Da ist der Preis für ein Hotel in Hamburg von 84 auf 74 Euro reduziert, worauf natürlich hingewiesen wird mit dem Hinweis "Tolles Schnäppchen heute". Weiter heißt es dann "In den letzten 24 Stunden 105-mal gebucht", "Sehr gefragt - nur noch sieben auf unserer Seite verfügbar" und zu guter Letzt "Sieben Personen sehen sich das gerade an". Wer da nicht sofort zuschlägt, ist wirklich blöd - oder?

Bei Amazon wiederum läuft bei Sonderangeboten ein Countdown, versehen mit einem Balken, der zeigt, wie viele Exemplare eines Zauberwürfels oder anderer Dinge bereits reserviert sind. Auch hier wird der psychologische Druck aufgebaut, sofort zuzuschlagen, um nicht leer auszugehen.

Natürlich gab es sowas früher schon, etwa beim Teleshopping. Aber durch die Digitalisierung potenzieren sich diese Fälle: Überall wird bewertet und belohnt, mit einmaligen Rabatten geworben oder verknappt. Es fällt schwer, da stark zu bleiben, aber manchmal lohnt es sich, vor dem nächsten Klick einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: Ganz ehrlich, lohnt sich das? Oder habe ich am Ende ein Glas Wattebäuschchen, mit denen ich eigentlich nichts anfangen kann?

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor unter kolumne@rheinische-post.de

(RP)