Kolumne „Total Digital“: Bestellungen sind der Killer des Einzelhandels

Kolumne „Total Digital“ : Der Killer des Einzelhandels

Wer nicht online, sondern im Geschäft kaufen will, hat es nicht immer leicht.

Februar 2004. So lange habe ich schon mein Kundenkonto bei Amazon. Ich habe mir die Zeit genommen, mir meine Bestellhistorie anzusehen. Mir wurde bewusst, was für eine lange und intensive Beziehung ich zu diesem Online-Händler aufgebaut habe. Aber eins muss ich sagen: Ich gehe immer noch gerne einkaufen. In meiner Kindheit sind wir samstags immer „in die Stadt“ gefahren und haben Erledigungen gemacht. Auch heute lasse ich mich im Büchergeschäft lieber inspirieren als auf einer Webseite. Kleidung möchte ich in der Hand haben, und das Stöbern im Supermarkt liebe ich. Der Bestellvorgang bei Lebensmittellieferdiensten auf meinem Smartphone ist nicht nur total langweilig, sondern scheitert auch am meist nicht passenden Lieferfenster.

Als ich kürzlich einen großen Elektronikhändler besuchte, konnte ich ein Beratungsgespräch beobachten. Der Kunde hatte seine Wahl getroffen, die Beraterin tippte in ihren Computer und sagte: „Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen das Produkt bestellen.“ Das Gesicht des Kunden werde ich nicht vergessen: Es war wie versteinert, er verabschiedete sich. Im Freundeskreis habe ich die Anekdote erzählt. „Ist doch klar, der hat online bestellt“, war die einhellige Meinung. Mir wurde klar: Dieser Satz ist der Killer des Einzelhandels. Einige von Ihnen werden mir jetzt engagiert schreiben, weil es Ihnen wichtig ist den Handel vor Ort zu unterstützen. Weil sie übermächtige Online-Händler meiden wollen, die massenhaft prekäre Jobs schaffen, und die Jobs der Verkäufer zerstören. Doch ich fürchte, die Mehrheit unserer Gesellschaft tickt da anders. Viele bestellen eben online. Ins Geschäft geht, wer ein Gefühl noch stärker schätzt, als die Unabhängigkeit von Öffnungszeiten: Nicht warten zu müssen, bis man ein Produkt in den Händen hat. Wenn es denn auf Lager ist.

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