Kolumne "Total Digital" : Wischen statt Rascheln

Meine "New York Times" lese ich nur noch digital. Doch das Flaggschiff des amerikanischen Journalismus macht seit Jahren Verluste. Das ist nicht gut.

Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei, das Email-Postfach bleibt in diesen Tagen fast leer, und in den Bergen bei Seattle liegt noch nicht genug Schnee zum Skifahren. Deshalb habe ich mich endlich mit meinem halben Meter hohen Stapel alter "New York Times"- Ausgaben vor den Kamin gesetzt. Das war gemütlich, aber als der Stapel leer war, ging auch eine Ära zu Ende. Die Zeitung, die ich liebe, habe ich vor einigen Monaten abbestellt, weil ich die Papierberge im Alltag nicht mehr bewältigen kann.

So wie mir geht es vielen ehemaligen Zeitungslesern in den USA, ganz zu schweigen von den jungen Amerikanern, die in der Regel gar nicht erst Zeitungsleser werden, weil ihnen Facebook und kostenlose Netzinformationen genügen. Amerikaner nutzen Medien zunehmend mobil. Bei der "New York Times" kommen schon über die Hälfte aller Zugriffe auf ihre Webseiten von Smartphones. Und bei vielen anderen Nachrichtenangeboten ebenfalls.

Das Problem der Zeitungen beiderseits des Atlantik ist allerdings: Mit dem Verkauf von Werbung auf Webseiten, erst recht auf mobilen, verdienen Verlage viel weniger als mit gedruckten Anzeigen. Und auch wenn mittlerweile zwei Drittel der rund 13.000 amerikanischen Lokalzeitungen Gebühren für die digitale Nutzung ihrer Website nehmen und zunehmend auch Apps verkaufen — den Rückgang der Erlöse durch Zeitungsverkäufe machen die neuen digitalen Einnahmen nicht wett. Die "New York Times" hat zwar beeindruckende 900.000 zahlende Digitalleser gewonnen. Aber sie hat in den vergangenen 15 Jahren auch 400.000 Abonnenten verloren, die für die gedruckte Zeitung mehr bezahlt haben. Deshalb macht die "Times" seit Jahren Verluste. Und kleinere Verlage erst recht.

Ich gehöre nicht zu den Zeitungsnostalgikern, die dem Rascheln des Papiers beim Umblättern und der Druckerschwärze an den Fingern nachweinen. Das Wischen und Zoomen beim Lesen langer Reportagen und Essays auf dem Smartphone finde ich vor allem unterwegs viel praktischer. Dass mein Sohn wohl kein "Paperboy" mehr wird, weil es die radelnden Zusteller kaum noch gibt, finde ich auch verkraftbar. Doch wenn ich meine Lieblingszeitung nicht mehr auf dem Smartphone lesen kann, weil es selbst dem Flaggschiff des amerikanischen Journalismus nicht gelingt, den digitalen Wandel zu meistern, dann würde mir etwas fehlen.

Ulrike Langer ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de Sie ist auch auf Twitter unter @UlrikeLanger und in ihrem persönlichen Blog erreichbar.

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(RP)