Sicherheit oder Freiheit? Das eine geht nicht ohne das andere

Kolumne Gesellschaftskunde : Das Dilemma der Freiheit

Mehr Sicherheit durch etwas weniger Freiheit? Das geht so nicht, sagt die Philosophin Ágnes Heller: Denn Sicherheit gibt es nur in freien Gesellschaften. Aber wer sichert die Freiheit?

Freiheit oder Sicherheit? Was ist wichtiger? Fragt man die Bundesbürger, dann lautet die Antwort immer häufiger: Sicherheit. Nach einer Emnid-Studie von 2017 ist sie in der Werte-Hierarchie in wenigen Jahren von Platz 10 auf Platz 5 vorgerückt. Freiheit sackte im selben Zeitraum von Rang 2 auf 4. Andere Umfragen bestätigen das Bild.

Freiheit oder Sicherheit? Für Ágnes Heller war schon die Frage falsch gestellt. Für die ungarische Philosophin, die Mitte Juli mit 90 Jahren beim Schwimmen im Plattensee ertrank, ist Freiheit nämlich die Voraussetzung für Sicherheit, die Vorstellung eines Nullsummenspiels (mehr Sicherheit durch weniger Freiheit) daher falsch. Heller nennt Freiheit das Fundament der Moderne – dass alle Menschen gleich an Rechten, mithin frei und nicht als Sklaven geboren sind, hat sich als allgemeine Überzeugung tatsächlich erst in den letzten 200 Jahren durchgesetzt. Und erst die Freiheit ermögliche es einzuschreiten, wenn die beiden anderen Phänomene der Moderne – Marktwirtschaft und technologischer Fortschritt – außer Kontrolle geraten und Massenarmut oder Umweltzerstörung produzieren. Ohne Teilung der Macht, also ohne Freiheit, sagt Heller, ist Kontrolle unmöglich.

Diese These ist nicht nur so interessant, weil sie den vermeintlichen Gegensatz zwischen Sicherheit und Freiheit auflöst. Sie hat auch eine beunruhigende Fortsetzung. Denn Freiheit mag Sicherheit garantieren können, aber nicht sich selbst. Freiheit bedeutet auch, die Unfreiheit wählen zu können – offensichtlich ein Dilemma.

Und da kommt dann nach all den Strukturen endlich der Einzelne ins Spiel. Als Individuum, das der Geschichte ein Ziel gibt, indem es für eine offene Gesellschaft kämpft. So hat es ein anderer großer Denker des 20. Jahrhunderts formuliert: Karl Popper. Man sollte ihn mal wieder lesen.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(fvo)
Mehr von RP ONLINE