Gesellschaftskunde : Immun gegen den Stress

Gleichmut soll vor Stress schützen. Doch schottet man sich auch ab.

Es gibt eine Sehnsucht nach innerer Sammlung und Distanz zu den Dingen – und natürlich ist das ein Reflex auf die Zeit. Viele Menschen versuchen, auf das Tempo ihres Lebens und die vielen Reize, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind, mit Abgeklärtheit zu reagieren. Auf einmal ist überall von Achtsamkeit, Reduktion, Ausmisten die Rede, machen Menschen Kurse, um ihrem überfüllten Alltag mit Gleichmut zu begegnen. Und das ist nur verständlich: Auf Distanz zu gehen, kann eine Notwehr gegen die Überforderung sein.

Wenn man dem ständigen Einprasseln von Informationen und der allseits geforderten Erreichbarkeit schon nicht entgehen kann, bleibt dem Einzelnen ja nur noch, an seiner Haltung zu arbeiten.

Statt sich bereitwillig in die Hast zu stürzen und sich aufzureiben im Spiel um Macht und Geltung, üben sich Menschen also darin, das alles wie durch eine Nebelwand zu betrachten, sich immun zu machen gegen die Aufgeregtheit der Welt. Die alten Formeln vom dynamisch-erfolgreichen Flexibel-Ich ziehen nicht mehr. Heute werden nicht mehr Menschen bewundert, die auf drei Leitungen gleichzeitig telefonieren und nachts noch Börsengeschäfte machen, sondern jene, die abschalten, die Dinge an sich abperlen lassen können und ihre Mitte nicht verlieren. Doch diese Zen-Haltung zum Leben, dieses Bemühen um heitere Abschottung vor dem Wahnsinn da draußen, kann auch in die Gleichgültigkeit führen.

Die Dinge nicht an sich heranzulassen, mag ein Weg sein, dem Burnout zu entgehen, doch verhindert es eben auch, sich einzubringen und etwas zu verändern. Erschöpfte Menschen haben keine Energie, für andere zu wirken.

Dabei schafft genau das Bindungen, aus denen der Einzelne wirklich Kraft schöpfen kann.

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Autorin: kolumne@rheinische-post.de