RP-Kolumne: Für den alten, weißen Mann.

Kolumne – Mit Verlaub! : Ältere, übt den aufrechten Gang!

Alter schützt vor Torheit nicht. Aber bitte keine Anbiederung an die Jugend!

Anfang März verstarb im Alter von 86 Jahren Arnulf Baring, der Historiker, Publizist, Bestsellerautor und bis ins hohe Alter streitbare Staatsbürger in der Uniform des freien Geistes. Wer Baring las oder ihn im Kreis biegsamer Talkshow-Pflänzchen erlebte, dachte unwillkürlich an einen anderen verstorbenen Feuerkopf und Altersradikalen der öffentlichen Meinung: Heiner Geißler. Unvergessen ist mir, wie Geißler als achtzigjähriger Vermittler im bitteren Streit um das Jahrhundertprojekt „Stuttgart 21“ mit Schalk im Nacken und blitzenden Augen auf sein Seniorenalter hinwies und Vergleiche zog: Ihm riesele noch nicht wie so manchen Jüngeren der Kalk aus dem Kragen.

Wohl wahr: Alter schützt vor Torheit nicht, aber die heute vielfach übliche Anbetung der Jugend ist auch bloß eine Variante des Götzendienstes unaufgeklärter Zeiten. Besonders töricht erscheint mir das Schmähgerede vom „alten weißen Mann“, der von HohepriesterInnen allerlei absurder Tagesmoden für viele, wenn nicht sämtliche politisch-gesellschaftlichen Übel verantwortlich gemacht wird. Baring und Geißler hätten solchem Unfug öffentlich widerstanden; zu viele ihrer Generation ducken sich jedoch weg, oder sie sinken bei Illner & Co. sogar so tief, dass sie von dem Kakao, durch den man sie zieht, auch noch trinken. Besonders unangenehm fallen aber diejenigen unter den reiferen Jahrgängen in verantwortlicher Position auf, die der Jugend nach dem Munde reden und sich beispielsweise berechnend bis zur Schamgrenze an die klimabesorgten Freitags-Schulschwänzer anschmiegen.

Alle Sympathie für eine politisch-gesellschaftlich engagierte Jugend, indes Distanz zu schmeichlerischen Alten, ob in Abgeordnetenbüros, Regierungszentralen, Lehrerzimmern, Redaktionen oder auf Kanzeln.

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