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Kolumne "politisch inkorrekt": Wenn es Nacht wird in der Bahn

Kolumne "politisch inkorrekt" : Wenn es Nacht wird in der Bahn

Politiker sprechen immer mal wieder davon, dass es auch in unseren Großstädten rechtsfreie Räume gibt. Das stimmt. Manche fahren sogar herum.

In diesen Tagen ist es besonders schlimm. Trifft man buntgekleidete Karnevalisten am frühen Nachmittag im Personennahverkehr, erweisen sie sich in der Regel als lustige und freundliche Zeitgenossen. Fährt man jedoch beispielsweise mit der S-Bahn und stößt auf Rückkehrer vom närrischen Treiben, sollte man besser in der Nähe des Griffs für die Notbremse stehen. Sie werden von mir heute kein schlechtes Wort über den Karneval hören. Mein Thema sind Anstand, gute Erziehung, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. In Bussen und Bahnen.

Ich bewundere ja Menschen, die des bloßen Broterwerbs wegen freitag- und samstagnachts solche Gefährte durch — sagen wir — Duisburg oder Krefeld steuern. Und die normalen Menschen in den Sitzreihen sind ja oft schlimmer dran. Man staunt, was für Volk dort zusteigt und wie wenig Kinderstube herrscht. In einer anderen Zeitung las ich vor zwei Jahren eine Serie über "gefährliche Berufe". Kein Witz: Da wurde neben Polizist, Feuerwehrmann und einem Hochspannungsexperten auch ein Busfahrer porträtiert.

Unterwegs in der S-Bahn, mittags eingezwängt zwischen lärmenden Schülern, die sich gegenseitig die Wollmützen vom Kopf reißen und durch ein schmales Fenster rauswerfen, ist die lockere Variante. Übler wird es, wenn's langsam dunkel und der Anteil der zivilisierten Fahrgäste immer geringer wird. "Heinz hat große Schnauze und fährt Mercedes, aber nur, weil sein Vater tot ist und er geerbt hat", bellte kürzlich ein ungepflegter Sitznachbar neben mir in sein Handy.

Zwei Jungs um die 18 in weißen Jacken unterhielten sich hinter mir darüber, dass sie gemeinsam mit der Freundin des einen sexuell verkehren möchten und wie sie es ihr am besten sagen, damit sie sich nicht "so aufregt". Die Menschen, die ruhig dazwischen sitzen, schauen starr aus dem Fenster, auf ihre Schuhe, geradeaus. Man will ja keine Aufmerksamkeit erregen, wenn zwei Kahlköpfe mit Bierflaschen in der Hand zusteigen. Busse und S-Bahnen benutzen? Das mache ich nur noch, wenn es nicht anders geht. Wenn es mal ungemütlich wird, ist Hilfe kaum zu erwarten.

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Aber unbeantwortet bleiben die Fragen: Woher kommen all die schlecht erzogenen (meistens) jungen Leute? Was bringen denen die Eltern bei? Was der Lehrer in der Schule? Was geht in Köpfen von Leuten vor, die andere Menschen anpöbeln, Sitze aufschlitzen, Scheiben beschädigen — aus Langeweile? Ich weiß es nicht, aber so eine Abendfahrt macht mir Angst, was aus all diesen Leuten mal werden soll. Schließlich hören wir täglich, dass wir eine Bildungsgesellschaft sind und man Rücksicht auf andere Menschen nehmen soll.

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(RP/felt)