Politisch Inkorrekt: Nicht die Zeit für Scharfmacherei

Politisch Inkorrekt : Nicht die Zeit für Scharfmacherei

Die Grünen gehörten zu den schärfsten Anklägern der katholischen Kirche, als dort Missbrauchsfälle bekannt wurden. Nun stehen sie selbst wegen früherer Verharmlosung pädophiler Wahnideen in der Kritik. Für den politischen Kampf taugt das Thema nicht.

Man kann Jürgen Trittin nicht vorwerfen, dass er sich wegduckt. Als jetzt durch den von den Grünen selbst beauftragten und teuer bezahlten Göttinger Wissenschaftler Franz Walter bekannt wurde, dass der heutige Spitzenkandidat der Grünen einst einen Text presserechtlich verantwortete, in dem Straffreiheit für gewaltlosen Sex mit Kindern gefordert wurde, nahm er sofort Stellung.

Trittin distanzierte und entschuldigte sich mit klaren Worten: Sexueller Missbrauch dürfe nie straffrei bleiben; derartige Forderungen aus der Frühzeit der Grünen seien ohne Wenn und Aber falsch gewesen.

Was soll, was kann er jetzt noch mehr tun? Zurücktreten? Weil er für ein Kommunalwahlprogramm in Göttingen 1981 verantwortlich zeichnete, das nicht aus seiner Feder stammte?

Nein, ich finde nicht, dass er das nach seiner schnellen und eindeutigen Reaktion tun muss. Aber der Vorgang sollte allen am politischen Diskurs Beteiligten eine Mahnung sein. Als vor drei Jahren Missbrauchsfälle die katholische Kirche erschütterten, standen die Grünen in vorderster Front der politischen Scharfmacher. Allen voran die Bundesbetroffenheitsbeauftragte Claudia Roth, die sofort lautstark forderte, "die kritische Auseinandersetzung mit der repressiven Sexualmoral der katholischen Kirche und ihrer Rolle bei diesem furchtbaren Komplex des Wegsehens und der Verheimlichung" aufzunehmen. Differenzieren war damals nicht gefragt. Wenn es gegen die Katholiken geht, darf ja in Deutschland neuerdings geholzt werden.

Die Lehre aus den aktuellen Vorgängen muss sein, dass sich manche Themen nicht für den politischen Kampf eignen. Der als "Pädo-Sexualität" verniedlichte Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen gehört unbedingt dazu. Kindesmissbrauch findet in Deutschland zu weit über 90 Prozent der Fälle im engeren Familien- und Bekanntenkreis statt — offizielle 12 000 Fälle pro Jahr, mache sprechen von 50 000 als Dunkelziffer. Dann folgen Institutionen wie Sport- und Freizeitvereine, Internate, Heime, evangelische und katholische Kirche. So zu tun, als gäbe es das hauptsächlich bei katholischen Priestern, die durch den Zölibat ja angeblich so schwer unterdrückt werden, war eine gewollte Unverschämtheit, an der auch viele Grüne mit unübersehbarer Schadenfreude mitgewirkt haben.

Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist ein schweres, ein ekelhaftes Verbrechen. Das gehört von der Gesellschaft insgesamt nach Kräften bekämpft. Für Wahl- und Klassenkämpfe eignet es sich nicht.

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(RP)