Politisch Inkorrekt: Eine Schule ist kein Versuchslabor

Politisch Inkorrekt : Eine Schule ist kein Versuchslabor

Kein Jahr vergeht ohne sie, kein Bundesland fehlt, wenn es um Schulexperimente geht. Horden von Ministerialen und Wissenschaftlern denken sich immer wieder Neues für unsere Kinder aus. Aber bei Rechtschreibung und Bäumen geht es nicht voran.

Als Grundschüler durfte ich in den 60-er Jahren sogenannte Kurzschuljahre miterleben, eines von vielen nutzlosen Experimenten, die bis heute auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen werden. Ich weiß nicht, was Politiker aller Couleur antreibt, sich gerade in der Bildungspolitik immer wieder neuen Unfug einfallen zu lassen, statt an der Optimierung des Wesentlichen zu arbeiten. Ich meine, so schwer ist das doch nicht: ordentliche Schulgebäude, vernünftige Ausstattung, gut ausgebildete Lehrer und Lerninhalte, die auf das spätere Leben vorbereiten.

Allerorten klagen Universitäten und Ausbildungsbetriebe, dass sie von den Schulen junge Leute bekommen, die bei der Rechtschreibung kläglich versagen. Doch statt dieses Problem beherzt anzugehen, veranstalten auch in NRW viele Schulen die Methode "Schreiben nach Gehör". Grundschüler sollen in den ersten zwei, drei Jahren schreiben dürfen, wie sie wollen, ohne dass sie korrigiert werden. Auch die Eltern sollen nicht eingreifen, denn - so die Theorie - sonst dämpfe man die Lust am Schreiben. Spätestens ab der vierten Klasse wird dann saubere und fehlerfreie Rechtschreibung erwartet, für viele Kinder nicht zu schaffen. Die Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben verweist auf Untersuchungen, die belegen, dass solche Methoden den Anteil von Schülern mit dauerhaften Rechtschreib-Schwächen erhöhen. Es gäbe viele andere Themen in diesem Zusammenhang. Inklusion etwa, eine faszinierende Idee, die allerdings von vielfach ungenügend vorbereiteten Lehrern umgesetzt werden soll. Oder auch die Frühsexualisierung der Kinder schon ab der ersten Klasse.

Letztens geriet ich zufällig ins "Waldpädagogische Zentrum" in Bottrop, eine Einrichtung, in der Schüler aus Städten lernen können, was Bäume sind. Oder Käfer. Oder ein Bach. Der Förster dort erzählte mir, dass oft Klassen kommen mit Kindern, die noch nie einen echten Regenwurm gesehen haben. Nicht zu fassen. Das normale Leben sollte nach meiner Meinung im Mittelpunkt der Schule stehen. Lesen, Schreiben, Rechnen, unbedingt Geschichte, die Natur und - klar - der technische Fortschritt, alles rund um den Computer. Grundlagen halt. Damit sollte sich Bildungspolitik beschäftigen und weniger mit endlosen Strukturdebatten oder - wie in Baden-Württemberg - mit der Ideologisierung des Unterrichts.

Immerhin gibt es auch gute Nachrichten. SMS-Schreiben mit "lol" und Smileys kann die Rechtschreibung von Kindern verbessern, las ich dieser Tage. Doch eine Hoffnung, dass noch alles gut wird.

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(RP)