Kolumne Politisch Inkorrekt: Ein Band, das uns zusammenhält

Kolumne Politisch Inkorrekt : Ein Band, das uns zusammenhält

Selbst wer kein Latein versteht und religiös unmusikalisch ist, hat nach Rom geschaut und auf Rauch gewartet. Wir sind fasziniert von Traditionen und alten Ritualen. Weil wir sie brauchen.

Das Konklave in Rom bewegte in diesen Tagen Millionen Menschen. Anderen ist es egal. Und wieder andere Zeitgenossen kritisieren es. Die Kirche müsse moderner werden, wünschte sich diese Woche in einer WDR-Umfrage einer. So, als ob "modern" an sich schon ein Wert wäre. In sozialen Netzwerken werden die alten Rituale als "verstaubt" bezeichnet. Muss dieser Prunk sein? Warum tragen die Kardinäle diese albernen Gewänder? Und dann dieser dämliche Schornstein und das Warten auf Rauch.

Ich frage mich, was sich diese Leute vorstellen. Ein Konklave, das über den 266. Nachfolger des Apostels Petrus entscheidet, als eine Art Aktionärsversammlung? In einem Seminarraum des Dorint-Hotels, die Kardinäle in Jeans und Baumwollhemd? Graffiti-Sprayer, die den Raum mit bunten Kreuzen verziert haben? Wer würde das sehen wollen? Tradition und Rituale sind tiefster Ausdruck der Kultur von Gesellschaften und Gemeinschaften, und sie finden sich keineswegs nur in den Kirchen. Im staatlichen Bereich gehen wir Deutschen eher sparsam damit um — eine Folge der dunklen Jahre unserer Geschichte.

Andere Länder aber pflegen ihre Rituale mit großer Sorgfalt. Da ist die Queen, die alljährlich die parlamentarische Sitzungsperiode des Unterhauses feierlich eröffnet. Oder der US-Präsident, der nach seiner Vereidigung nebst Gattin seinen Amtsvorgänger im Weißen Haus abholt und zum Hubschrauber geleitet, der den Pensionär in sein neues Leben bringt.

Im Privaten ist die Zahl der Paare, die eine traditionelle Eheschließung wünschen, ungebrochen hoch. Der Vater, der die Braut zum Altar führt. Die Braut in Weiß. Man will es so, wie es immer war. Schön war. Wir alle brauchen das, diesen Wohlfühlfaktor, dieses Baden in Erinnerungen und diese Identifikation mit einer Art zu leben, die sich oft über Jahrhunderte entwickelt haben. Die Schützen-Kompanien, die alljährlich durch unsere Innenstädte marschieren und damit Traditionspflege betreiben. Die öffentlichen Gelöbnisse junger Rekruten, die nicht einfach ein Formular unterschreiben, sondern öffentlich bekennen, die Menschen schützen und verteidigen zu wollen. Und das Singen der Nationalhymne vor internationalen Fußballspielen. Nie habe ich harte Typen im Fußballtrikot so gerührt gesehen wie beim Singen der Nationalhymne vor einem DFB-Pokalfinale in der Fankurve.

Vielleicht schimpfen sie auf vieles im deutschen Alltag, aber sie wollen dabei sein, dazugehören. Das Verbannen von Traditionen und Ritualen würde uns zu einer Gesellschaft ohne Seele machen. Das sollte sich niemand wünschen.

(RP)