Politisch Inkorrekt: Amerika wird nie, wie wir es uns wünschen

Politisch Inkorrekt : Amerika wird nie, wie wir es uns wünschen

Der Verdacht, US-Geheimdienste könnten die Kanzlerin abgehört haben, belastet die Beziehungen beider Länder so schwer wie seit dem zweiten Irak-Krieg nicht mehr.

Was ist da schiefgelaufen in all den gemeinsamen Jahren? An welchem Punkt hat es begonnen, dass wir uns auseinandergelebt haben? Und warum verstehen wir uns so gar nicht mehr? Machen Sie sich bitte keine Sorgen um meine Ehe, liebe Leserinnen und Leser, denn es geht hier um das deutsch-amerikanische Verhältnis. Hat Obama die Bundeskanzlerin abhören lassen? Seit gestern gibt es kaum ein anderes Thema in Deutschland, ist doch die Bereitschaft zu spontaner Empörung besonders groß, wenn es gegen die USA geht. Na gut, vielleicht auch noch gegen die "Brüsseler Bürokraten". Natürlich gibt es Hackerangriffe auf unsere Regierung, zweifellos auch Lauschversuche, von altmodischen Spionen ganz zu schweigen, deren Auftraggeber man mit einiger Wahrscheinlichkeit in Moskau oder Peking vermuten darf. Doch kaum jemals schlagen die Wogen der Empörung darüber annähernd hoch. Die Vereinigten Staaten aber, das sind doch unsere Freunde, warum bespitzeln die uns? Die USA stehen doch für die Freiheit, warum kungeln sie bisweilen mit schmierigen Diktatoren? Warum führen sie Kriege, bei denen auch Zivilisten getötet werden?

Ich glaube, das Problem besteht darin, dass wir die USA nicht so sehen, wie sie sind, sondern so sehen, wie wir sie gern hätten. Im Guten wie im Schlechten übrigens. Nach Bush haben alle auf Heilsbringer Obama gesetzt, um nun festzustellen, dass er eben auch US-Präsident ist und sich zuerst und nur um die Interessen seines Landes kümmert. Wir machen uns lustig über die Amis, die nicht einmal wissen, wo Belgien genau liegt — obwohl kaum ein Deutscher in der Lage wäre, auf Anhieb South Dakota ausfindig zu machen. Wir beklagen, dass Amerikaner kulturlos sind, ohne Twain, Hemingway, Warhol, Spielberg und viele, viele andere zur Kenntnis zu nehmen, die entscheidenden Einfluss auf die Weltkultur genommen haben — ganz ohne staatliche Kultursubventionen übrigens.

Die USA und die Amerikaner werden niemals so sein, wie wir sie gern hätten. Dazu ist die Geschichte, dazu sind die Rollen beider Länder in der Welt zu unterschiedlich. Und übrigens ist auch das Verständnis darüber, was im Leben wichtig ist, zu verschieden. Der Traum von der größtmöglichen Freiheit für jeden Einzelnen, der vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann — den will hierzulande kaum noch einer träumen. Hier vertrauen wir auf den Staat, der möglichst alles für uns regeln soll, oder wenigstens eine Versicherungsgesellschaft. Und ja, wir sind uns fremd geworden. . .

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(RP)