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Nawalny, China, Moria: Max Weber und der Dämon der Politik

Nawalny, China, Moria : Max Weber und der Dämon der Politik

Handeln nach Verantwortungs- oder doch eher Gesinnungsethik? Das ist der ewige Konflikt der Politik. Ein 100 Jahre alter Vortrag gibt Hilfestellung. Oder: Was Max Weber mit unserer Gegenwart zu tun hat.

So wie derzeit drängten sich selten die Anlässe, die zum Nachdenken über den ewigen Konflikt zwischen Realpolitik und Idealismus auffordern. Drei Beispiele: die Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria, die Haltung gegenüber der rabiaten russischen Regierung, der Umgang mit dem undemokratischen Regime in Peking. Jedes Mal steht politisches Kalkül (keine neue Fluchtwelle, Beziehungen retten, Arbeitsplätze sichern) gegen moralische Grundsätze (Nothilfe, Werte verteidigen, Menschenrechte einfordern).

Wie häufig hilft es auch in diesem Fall, Max Weber zur Hand zu nehmen. Der würde die drei Fälle als Konflikt zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik beschreiben. Die Begriffe stammen aus seinem Vortrag „Politik als Beruf“ von 1919. Gesinnungsethik fasste Weber unter den Satz „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“, Verantwortungsethik unter die Maxime, „dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat“.

Die Gegensätze und ihre Anwendung auf die drei Fälle liegen offen zutage. Aber Weber zu lesen ist auch deshalb immer ein Gewinn, weil er zwar in Idealtypen, aber nicht in Dogmen denkt: Gesinnungsethik bedeute nicht notwendigerweise Verantwortungslosigkeit und umgekehrt, steht da nämlich auch. Politik ist, Weber weiß das sehr gut, ein einziger Kompromiss. Oder wie er selbst sagt: „Der Genius oder Dämon der Politik lebt mit dem Gott der Liebe in einer inneren Spannung, die jederzeit in unaustragbarem Konflikt ausbrechen kann.“

Man ist nicht entweder Gesinnungs- oder Verantwortungsethiker, sondern stets beides, an unterschiedlichen Stellen des Spektrums, je nach Fall. Im Fall Moria ist es legitim, eher Gesinnungsethik einzufordern („Nächstenliebe“, sagt ja selbst Horst Seehofer), im Fall China mag Job-Verantwortungsethik im Vordergrund stehen. Die Abwägung und den Kompromiss kann uns niemand ersparen.