Kolumne „mit Verlaub!“: Zwergenwuchs und Sündenstolz

Kolumne „mit Verlaub!“ : Zwergenwuchs und Sündenstolz

Wie kaum ein Land braucht Deutschland Führung von Adenauer’scher Festigkeit.

Blick von Innen: Wir Germanen neigen zu Extremen. Unsere jüngere Geschichte ist bepackt mit Freveln; die einen tragen das Büßerhemd von Opa und Papa in ewigem Sündenstolz; andere grölen und knüppeln schon wieder durch die Straßen, als hätte es Adolf Nazi und seine Bande nicht gegeben. Wir Germanen belehren im Privaten und Öffentlichen einerseits gerne die Nachbarschaft, andererseits führen wir uns auf wie Bescheidenheits-Protze, die kein Wässerchen trüben können. Blick von Außen: Die einen nennen unser Land „Koloss im Zentrum Europas“, andere halten ihm außenpolitischen Zwergenwuchs vor. Die einen loben die beinahe aufreizende Gelassenheit der Kanzlerin, andere attackieren sie wegen fahrlässigen Tuns oder schläfrigen Unterlassens. Die einen hetzen in asozialen Netzwerken auf Teufel komm raus, andere feiern sich und ihre hohe Moral als beispiel- und tugendhaft. Dazu dieses Bonmot des Publizisten Johannes Groß: „Der Klugscheißer ist in Deutschland verpönt, der Moralscheißer hoch angesehen.“

Obwohl wir ein Land der Mitte sind, umgeben, nicht umzingelt von neun anderen Ländern, halten wir nicht gut Balance. Völkerpsychologen werden sagen, das läge an mangelnder Selbstsicherheit. In dem lehrreichen Gespräch zwischen Wolfgang Schäuble und dem Jerusalemer Historiker Dan Diner in der „Welt am Sonntag“ kam die Sorge vor altdeutscher Schaukelei zwischen West und Ost wieder zum Vorschein. Viele fühlen sich Russland nicht nur geografisch näher als den Vereinigten Staaten. Von deutsch-russischer Seelenverwandtschaft ist seit Peter dem Großen die Rede, während Uncle Sam seit ‘45 als kulturell verwilderter reicher Onkel vergöttert und verspottet wird. Dieses schwankende Land braucht wie kaum eines sonst politische Führung und Einbettung in die Europäische Union.

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