Kolumne: Mit Verlaub!: Mehr Europa oder zurück zur alten EWG

Kolumne: Mit Verlaub! : Mehr Europa oder zurück zur alten EWG

Die große Idee eines Vereinten Europa verweht mit jeder Krisenwoche mehr. Wohin man schaut: Nationalegoismen, von Athen bis Helsinki, begleitet von klebriger EU-Lyrik.

Am Ende einer theatralischen Woche mit griechischem Drama und Brüsseler Tragikomödie sieht man wie einst der Dramatiker Bert Brecht "den Vorhang zu und alle Fragen offen". Und man hat noch mehr Grund zu befürchten, dass die große Idee eines Vereinten Europa etwas für hoffnungslose Romantiker geworden ist.

Der neue Rütli-Schwur, ein "einzig Volk von Brüdern" sein zu wollen und gar Vereinigte Staaten von Europa zu schaffen, könnte zum großen Meineid der europäischen Geschichte werden. Strafrechtlich ist dazu Vorsatz erforderlich, für politischen Meineid jedoch reicht grobe Fahrlässigkeit.

Was anscheinend Europa (nur noch) im Innersten zusammenhält, sind Nationalegoismen - in dem von Konservativen, Sozialisten und linksradikalen Amateuren auf Grund gesetzten Griechenland sowieso, aber auch darüber hinaus bis hinauf nach Helsinki. Ich gestehe, dass mir da die europapolitisch traditionell pragmatischen Briten vergleichsweise lieber sind als die Verfasser klebriger EU-Lyrik mit ihrem geheuchelten Gemeinschaftssinn.

Und Brüssel, die akzeptierte, jedoch nie geliebte Hauptstadt Europas? Dort gibt es eine emsige Kommission, deren Mitglieder kaum jemand kennt bei den EU-Völkern. Ihr Präsident Jean-Claude Juncker, schwankend zwischen Trübsinn und Seligkeit, wirkt wie von gestern. Und peinlich wird's jedes Mal, wo und wann immer Juncker bei besagten Theateraufführungen als Tsipras-busselnder Schmuser die Bühnenrolle der "Lustigen Person" übernimmt.

Wer die politische Jahrhundert-Idee eines Vereinten Europa noch nicht ausgeträumt hat - hoffentlich zählen sich noch immer viele Ältere und vor allem Jüngere dazu - , dem kann in diesen Tagen beim Anblick der flatternden blauen Flagge mit den goldenen Sternen wehmütig ums Herz werden. Er mag sich denken: Gleicht das, was da vor Parlamenten und Staatskanzleien mit gewollt kräftiger Symbolik im Winde weht, anno 2015 nicht in Wahrheit einem zerschlissenen azurnen Lappen?

Und auch das geht Menschen, nicht nur den ökonomisch geschulten unter ihnen, durch den Kopf: Ist die Gemeinschaftswährung, die als Katalysator des Einigungsprozesses gedacht war, in der Realität völlig unterschiedlicher Euro-Staaten nicht am Ende das Dynamit unterm Haus Europa? Vor kurzem las ich einen Beitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von 1995 und eine Bundestagsrede von 1998, die von dem 2014 verstorbenen Düsseldorfer Handwerks-Präsidenten Wolfgang Schulhoff stammten. Beinahe seherisch zeigte der leidenschaftliche rheinische Mittelständler, Christdemokrat und soziale Marktwirtschaftler die Gefahren auf, wenn wie bei der Euro-Geburt politisch durchgesetzt wird, was ökonomisch falsch ist. Das Kind liegt im Brunnen.

Man sollte es um der Zukunft Europas wegen zu retten versuchen. Und dann müssten sich die Nationalegoisten zwischen Helsinki, Berlin, Paris und Madrid irgendwann entscheiden: Wollen wir mehr Europa und mehr Union mit Hilfen untereinander, oder wollen wir zurück zur alten EWG, zu einem Europa der Krämer?

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(RP)
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