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Kolumne: Mit Verlaub!: Klamauk made in the USA

Kolumne: Mit Verlaub! : Klamauk made in the USA

Das Land der nicht unbegrenzten, aber doch großen Möglichkeiten sollte uns Deutsche und Europäer nicht für allerlei traditionsvergessenen, multikulturell inspirierten Unsinn anfällig machen.

Es gilt noch der Satz eines früheren deutschen USA-Korrespondenten, der einst schrieb: Alles, was über Amerika berichtet werde, sei richtig, aber es stimme auch stets das genaue Gegenteil. Einerseits: Welch eine Vitalität im Land der zwar nicht unbegrenzten, aber doch großen Möglichkeiten. Welch eine vergleichsweise positive Lebenseinstellung der Menschen dort. Welch Landschaften unter weitem Himmel. Und: Welch Leistungen im Unternehmerisch-Technologischen.

Andererseits: Dieser beharrliche Kinderglaube, eine "Nation under God" zu sein, oder gar die "Shining City on the Hill" , also die Vorstufe des biblischen himmlischen Jerusalem zu verkörpern. Wer so denkt, hat womöglich eine verengte Weltanschauung, mit politischen und kulturell-gesellschaftlichen Auswirkungen auf die übrige Welt. Politisches Einerseits-Andererseits made in the USA: Hier die Befreiung der Deutschen von der Nazi-Pest, sodann jahrzehntelang Schutz und Schirm für die Bonner Demokratie und die Verbündeten. Im Gegensatz dazu unsinnige Kriege fern des eigenen Territoriums: Vietnam, Irak. Vor allem die Brandstiftung im alten Zweistromland bewirkte einen "Bush-Brand" in Mittelost. Man könnte mit Bezug auf einen Zynismus von Napoleons Polizeiminister Fouché behaupten: Der Krieg im Irak sei schlimmer als ein Verbrechen gewesen, nämlich ein Fehler.

Nun ein gedanklicher Sprung hin zum Gesellschaftlich-Alltäglichen. Das wird auch bei uns vom US-amerikanischen Hang zu kultureller Massentauglichkeit, zu politisch korrektem Unfug bestimmt. Nie werde ich den grässlichen "X-Mas"-Umzug (das Wort Christmas wurde konsequent in der Öffentlichkeit vermieden) vergessen, den ich vor wenigen Jahren im Advent in Minneapolis mehr ertrug als erlebte. "Ho, Ho" brummende Bartträger in Coca-Cola-Rot, bunt blinkende Umzugswagen mit Schlitten und Plastikhirschen, Groß und Klein gleichermaßen infantil kreischend am Straßenrand. Man wünschte sich "Happy Holiday", als stünden nicht Nikolaus und Christkind vor der Tür, sondern Jim und Helen mit den Reiseunterlagen.

Dass in solch einem Umfeld auch ein Saison-Klamauk und Import-Export-Schlager wie Halloween blüht, begreift man leicht. Man denkt dabei: Deutschland, Europa, Achtung vor Nachahmung jeden amerikanischen Blödsinns, wozu der vorweihnachtlich besonders auffallende Irrglaube gehört, man müsse multikulturell korrekt christliche Traditionen glattschleifen, damit sich niemand daran stoße.

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(RP)